Der Mord an Sadri Berisha und der versuchte Mord an Sahit Elezaj

In Kemnat wurden in der Nacht auf den 8. Juli 1992 zwei "Gastarbeiter" im Schlaf von Neonazis überfallen.

Der Kosovoalbaner Sadri Berisha (55 Jahre alt, geb. am 08.02.1937) wurde durch zwei Schläge auf den Hinterkopf mit einem Baseballschläger erschlagen, der im gleichen Zimmer schlafende Landsmann Sahit Elezaj (46 Jahre alt) überlebte durch viel Glück, auch er erlitt schwere Kopfverletzungen und konnte nie mehr arbeiten.

Der Tatort, das Haus Hagäckerstr. 5 in Kemnat, steht heute nicht mehr.

Haus Hagäckerstr. 5 in Kemnat, heute Hagäckerstr. 7. Dieses Haus war der Tatort und wurde ca. 1995 abgerissen.

Bildnachweis: Stadtarchiv Ostfildern.

Der Tatort heute, Hagäckerstr. 7: Links auf dem Gehweg, etwa 50m die Hagäckerstr. hinunter, sieht man noch die Bushaltstelle "Schönbergstraße" an demselben Ort.

Die Tat

Als in der Nacht zum 8. Juli 1992 sieben Neonazis eine Unterkunft in Ostfildern-Kemnat stürmen, wird der 55-jährige Kosovo-Albaner Sadri Berisha mit einem Baseballschläger erschlagen. Die Täter im Alter zwischen 20 und 30 Jahren treffen sich am Abend des 7. Juli 1992 in ihrer Stammkneipe und hören anschließend in einer Wohnung Hitler-Reden und Rechtsrock, um sich „in Stimmung zu bringen“. Von den Hassreden angefeuert, den Hitlergruß zeigend, beschließt die Gruppe, „Polacken zu klatschen“ und in einem Flüchtlingsheim zu randalieren. Bewaffnet mit zwei Baseballschlägern, einer Gaspistole und einem Metallrohr ziehen sie gegen 1:30 Uhr los. Auf dem Weg zu einer Unterkunft für Geflüchtete entdecken sie eine vertrauensselig offenstehende Tür an einem Arbeiterwohnheim für jugoslawische Bauarbeiter. Während vier der Gruppe vor dem Haus warten, dringen drei der Rechtsradikalen in den 1. Stock vor, vermummen sich und treten eine Tür ein.

Im Zimmer befinden sich Sadri Berisha aus Krusevac und der 46-Jährige Sahit Elezaj aus Damjane im Kosovo, die im Schlaf von den Angreifern überrascht und zu Zufallsopfern werden. Einer der Angreifer tötet Berisha durch zwei brutale Schläge mit einem Baseballschläger gegen seinen Hinterkopf, er starb sofort an einem Schädelbruch und Hirnverletzungen. Elezaj überlebt den Angriff mit viel Glück mit schweren, lebensgefährlichen Verletzungen - ebenfalls einem Schädelbruch. Nach 20 Std hatte die 30köpfige Sonderkommission die Tat aufgeklärt, die beiden Haupttäter aus der örtlichen Skinhead-Szene wurden dem zuständigen dem Haftrichter vorgeführt. Außer den beiden polizeibekannten Rädelsführern waren zwei weitere junge Männer aus Kemnat und drei aus Leipzig stammende Männer beteiligt. Der größte Teil der örtlichen Skinhead-Szene hielt sich zum Tatzeitpunkt unter Leitung des Sozialpädagogen Werner Nuber zu einem zweiwöchigen Urlaubsaufenthalt des MOB (Mobile Jugendarbeit) am Plattensee in Ungarn auf. 

Die drei jugoslawischen Mitbewohner der Unterkunft, die Ohrenzeugen der Taten wurden, arbeiten alle beim Bauunternehmen Klenk arbeiten und berichten, dass sie die beiden Opfer seit 1971 kennen - Sadri Berisha hatte keine Feinde, er galt als ruhiger, stiller und friedfertiger Zeitgenosse, der als Hilfsarbeiter seiner Arbeit nachging. "Mit ihm", so die Mitbewohner, "gab es nie Ärger." (EZ vom 9.7.1992).

Die Tat hat eine Vorgeschichte in Kemnat (EZ am 9.7.1992):

"Eine mit Baseballschlägern bewaffnete Gruppe von Skinheads hatte vor fast genau einem Jahr versucht; auf dem Kemnater Grillplatz "Rossert" eine Gruppe türkischer Frauen und Männer zu überfallen. Dabei wurde ein 27jähriger Mann aus Ostfildern niedergestochen und erlitt lebensgefährliche Verletzungen."

Der Täter war Martin Wede, der während dem 8.7.1992 noch einsitzt, an dem seine Brüder Thomas und Roland Wede schuldig werden. Beide hatten Kontakte zur Kemnater Skinhead-Szene, Roland war auch Mitglied der rechtsextremen FAP (Freiheitlich Deutschen Arbeiterpartei).

"Ostfilderns Bürgermeister Herbert Rösch zeigte sich 'entsetzt und betroffen' in einer ersten Reaktion auf den Anschlag. 'Dass ein Verbrechen mit diesem Ausmaß in unserer Stadt geschieht, erschüttert die gesamte Bevölkerung.' Das Ausmaß der Menschenverachtung und des Hasses übersteige alle Vorstellungen, so Rösch. 'Mit Scham und Zorn müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich unsere ausländischen Mitbürger bei uns nicht mehr sicher fühlen können.'" (STZ, 10.7.1992)

Die Tatwaffe mit Zollstock (Polizeifoto).

Tatort, aus Der Spiegel 17/1993, S. 89 (Bildquelle unbekannt, vermutlich Polizeifoto)

Bundesweiter Kontext der Tat 1992 (Stuttgarter Zeitung, 24.11.1992)

 

Die Opfer

Passfoto Sadri Berishas (Bildquelle unbekannt, vermutlich Polizeifoto)


Fotos und Texte mit freundlicher Genehmigung des "STERN" (aus STERN, Ausgabe 17/1993, Bildquelle unbekannt).

Todesanzeige von Sadri Berisha. Im Kosovo werden solche Todesanzeigen nicht in Zeitungen inseriert, sondern an öffentlichen Plätzen plakatiert.                                             (Foto mit freundlicher Genehmigung der Familie Berisha)

Grab von Sadri Berisha in Krusevac, Kosovo.                                 (Foto mit freundlicher Genehmigung der Familie Berisha)

Sahit Elezaj im Krankenhaus in Ostfildern-Ruit. Foto von Micheal Latz (mit seiner freundlicher Genehmigung)

Foto aus Der Spiegel, 17/1993, S. 93. Bildquelle unbekannt

Auf dieser Sol LeWitt - Skulptur zwischen Heumaden und Ruit befand sich zu Zeiten des Mordes 1992 ein Grafitti:

"Nur ein paar hundert Meter von Sahits Krankenzimmer entfernt hat der amerikanische Bildhauer Sol Lewitt vor kurzem eines seiner Mauerobjekte errichtet. Vor ein paar Tagen haben bisher unbekannte Täter die Plastik mit einem Vorschlaghammer zerstört. „So ein Scheiß“, steht jetzt in gesprühten Lettern darauf, daneben ein Hakenkreuz. Und: „Sol Lewitt, du Arsch“, gezeichnet „GTI- Club Ostfildern“ (siehe auch Artikel in der Filderzeitung vom 12.8.1992).

Aus TAZ-Artikel von Dietrich Willier vom 8.8.1992: „Deutschland ist gut, es gibt Arbeit“.

Die Opfer

Sadri Berisha (55) stammt aus Krusevac / Kosovo und hinterlässt Frau Hata (geb. 17.3.1942), Tochter Emine (geb. 01.02.1968) sowie die Söhne Khevdet / Gjevdet (geb. 18.09.1973) und Valdet (geb. 26.09.1975). Frau und Söhne leben noch in Sadri Berishas Geburtsort Krusevac.

Er arbeitete seit 21 Jahren in Deutschland, war kaum krank.

Siehe auch der Bericht des Zeitzeugen Murat Kryeziu:

https://www.youtube.com/watch?v=sOyKJq2G8z4&t=13s

 

Sahit Elezaj (46) stammt aus Damjane / Kosovo und ist siebenfachen Familienvater. Seine Familie durfte aufgrund der Tat nach Deutschland nachziehen.

Der Juniorchef der Baufirma Klenk, bei der beide arbeiteten, wird erzählt, habe am Krankenbett von Sahit Elizay geweint. Dazu hat er auch allen Grund. Elizay hat, wie sein toter Freund, als „Ungelernter“ bis zum Umfallen geschuftet „wie ein Vorarbeiter“. Es hat also, und daher die Schieflage, absolut die Falschen getroffen, brave Steuerzahler und zuverlässige, billige Arbeitskräfte. Rechtsanwalt König, der Verteidiger einer der Täter, wird später beim Prozess über die beiden Männer sagen „sie haben wahrscheinlich in einem Jahr mehr Steuern gezahlt als alle Angeklagten zusammen in einem Jahr“.

Die Kneipenwirtin der "Keglerklause" in der die Täter in der Tatnacht zechten, erzählt, auch Sadri Berisha, der große, dicke Mann mit seinen 95 Kilo, Sahits Zimmerkumpel und Landsmann, sei abends oft in die Kneipe gekommen: „Alle kannten ihn, wie in einer Familie, er war immer lustig.“

"Drüben, am Ende der Hagäckerstraße, dort, wo die Felder beginnen, hatte das ungleiche Paar gewohnt. Ein Zimmer, zu zweit, im Dachstock einer niedrigen Baracke. Sogar mit den drei Serben, die ebenfalls in dem Häuschen leben, sei man immer gut ausgekommen, erzählt Sahit Elezaj. Nicht wie zu Hause im jugoslawischen Kosovo, wo die großserbischen Milizen des Präsidenten Milosevics erst die Selbständigkeit der jugoslawischen Provinz unterdrückten und jetzt die wehrfähigen Albaner für ihr Gemetzel gegen Bosnien - Herzegowina zwangsrekrutieren. Damian, sein Dorf, klagt Sahit, werde von serbischen Tschetniks kontrolliert. Arbeit hatte es dort für Sahit und viele seiner Landsleute schon vor 21 Jahren nicht mehr gegeben. Sie verließen ihre Heimat und heuerten bei deutschen Baufirmen an. In Hannover, Nürnberg, Stuttgart hat Sahit als Maurer und Eisenbieger seinen Teil zum deutschen Bauboom beigetragen. Seit sieben Jahren lebt und arbeitet er in Kemnat. Zwei-, dreimal im Jahr besuchte er seine Frau und die sieben Kinder. 'Jetzt ist es sehr gefährlich geworden. Deutschland ist gut', meint Sahit, 'ich mußte noch nie meinen Ausweis zeigen, es gibt Arbeit, du gehst spazieren.' Gut die Hälfte seines Monatslohns von zweitausend Mark schickte er nach Hause. Nach Feierabend saß man unter dem Baum neben der Baracke in der Hagäckerstraße: Sadri Berisha, sein Freund, sagt Sahit 'hätte in der Wohnung seines Bruders schlafen können, aber er wollte bei mir bleiben'. Manchmal kamen ein paar Kollegen aus dem Arbeiterwohnheim zum Plaudern herüber — es ist nur einen Steinwurf entfernt. Deutsche Freunde hat Sahit nie gehabt, aber auch keine Probleme..." Aus TAZ vom 8.8.1992

Drei Demonstrationen am 11., 18. und 25.Juli 1992:

Die 1. Demonstration von ca. 300 Teilnehmern am Samstag, den 11.7.1992 in Kemnat. Dazu aufgerufen hatte das "Antifaschistische Forum Stuttgart", die meisten Kemnater blieben Zuschauer und unterbrachen nur kurz ihre Samstagseinkäufe.

Aus der Stadtrundschau vom 17.7.1992

Die 2. Demonstration am Samstag, den 18.7.1992, ein Schweigemarsch mit Kranzniederlegung.

Sonntag aktuell, den 19.7.1992 mit Kommentar zum Schweigemarsch.

Esslinger Zeitung vom 20.7.1992 - "Der Tod darf nicht länger ein Meister aus Deutschland sein"

3. Demonstration des "Antifaschistischen Aktionsbündnis" am Samstag, 25.7.1992, Esslinger Zeitung, 27.7.1992

Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Krishna Lahoti

Dieser Bericht erschien anlässlich der Ermordung von Sadri Berisha am 11.7.1992 bzw. der 1. Demonstration am 11.7. (siehe oben)  in den Stuttgarter Nachrichten.

Entsetzliche Szenen mit Hitlergruß, nicht in fernen Ostdeutschland, sondern erkennbar in der Hauptstraße von Kemnat, etwa ein Jahr vor dem Mord. Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Thoma Hörner

Esslinger Zeitung. Auseinandersetzung an Häuserwand. Dank an Krishna Lahoti für die Abbildungserlaubnis.

Filderzeitung vom 12.8.1992, mit freundlicher Erlaubnis von Michael Latz

Der Prozess (vor der Jugendkammer des Stuttgarter Landgerichts)

Es war bundesweit das erste Mordverfahren gegen Gewalttäter, die aus Fremdenfeindlichkeit handelten. Es kamen bei der Befragung der Angeklagten vor allem die zerrütteten Familienverhältnisse, die Gewaltexzesse der Väter und der Alkoholkonsum zur Sprache. Aber auch der "gesellschaftliche Kontext", in dem Gedanken, Worte und Tat gedeihen konnten. 

Das Urteil

Urteilsverkündung am 13.5.1993 durch den vorsitzenden Richter Hans-Alfred Blumenstein:

Lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld bekam der Haupttäter Thomas Wede (25), der den tödlichen Schlag ausgeführt hatte, wegen gemeinschaftlichen Mordes und versuchten Mordes. Der Richter beschrieb ihn als "ausgesprochen aggressiven Gewalttäter, der mit unglaublicher Brutalität zugeschlagen hatte." "Der Tod Berishas durch zwei wuchtige Schläge kommt einer Hinrichtung gleich."

Der aus der Nähe Leipzigs stammende Michael Drigalla (21) hat wie Thomas Wede den Tod Sadri Berishas billigend in Kauf genommen und bekam wegen den gleichen Verbrechen 9 Jahre Jugendstrafe.

Der mit einem Vierkantrohr, das er unterwegs aufgelesen hatte, bewaffnete Frank Neumann (22), der ebenfalls aus der Nähe Leipzigs stammt, wurde wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt, ihm wurde aber zugute gehalten, dass er das Zimmer der beiden Kosovaren nicht betreten hat, er stand mit Roland Wede (23) vor dem Zimmer Schmiere. Roland Wede hatte nicht nur die Gaspistole in Händen, sondern hatte in der Tatnacht die Stimmung angeheizt und den Vorschlag gemacht, der zu dem Verbrechen führte. Die Gaspistole und ein zweiter Baseballschläger war eigens noch von der Wohnung der Wedes geholt worden. Bei ihm ging die Kammer um ein Jahr über den Antrag des Staatsanwalts hinaus.

Frank N. und Roland Wede von müssen wegen Körperverletzung mit Todesfolge und gefährlicher Körperverletzung beide für 7 Jahre hinter Gitter - die Kammer war sich einig, dass sie den Tod des Opfers nicht wollten. Denn Roland Wede hatte zum Rückzug geblasen und "Raus, Raus" gerufen. "Er hat damit Sahit Elezaj vielleicht das Leben gerettet", so der Richter. Roland Wede war zum Tatzeitpunkt nur auf Bewährung auf freiem Fuß und muss außer den sieben Jahren auch die Reststrafe verbüßen. 

Der bisher inhaftierte Klaus-Dieter Angelbauer (21) aus Kemnat, war bei der örtlichen Feuerwehr und wurde als typischer Mitläufer eingestuft und erhielt eine zweijährige Bewährungsstrafe und verließ das Gericht als "freier Mann." Er hatte mit seinem Auto die Tatwerkzeuge besorgt.

René Jähn (20) , ebenfalls aus Leipzig stammend und mit Drigalla und Neumann in Kemnat zusammenwohnend, wurde zu einem Jahr, Michael Grammdorf (31) aus zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt.

Micheal Grammdorf war der einzige, der sich mit einigen Äußerungen schon in der Nacht von dem Überfall distanzierte.

Den drei wegen Beihilfe Verurteilten wurden zudem auferlegt, zur Wiedergutmachung je 2000 DM an die Witwe Sadri Berishas und an Sahit Elezaj zu bezahlen.

Das Gericht folgte damit in fast allen Punkten den Strafanträgen von Staatsanwalt Karl-Heinz Engstler.

 

"Der Haupttäter wurde wegen Mordes aus niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt und saß 25 Jahre ein. Obwohl das Gericht so urteilte, zeigte sich in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Tat eine Gleichzeitigkeit von Entsetzen über die Tat und der Entpolitisierung der Täter bzw. der Tatmotive. Bis heute existiert kein öffentliches Erinnern an die Tat. Der Beitrag arbeitet heraus, wie es zu der politischen Verharmlosung der Tat kam, obwohl Polizei, Justiz und nicht zuletzt die Täter sich eindeutig äußerten."

Prof. Dr. Gabriele Fischer

Gesellschaftliche Verantwortung

Der Esslinger Professor für Sozialpädagogik Kurt Senne, der einige der Täter seit Jahren kennt, wollte als Gutachter vor Gericht die "Gesellschaft indes nicht ganz aus der Verantwortung nehmen" und stellte die Tat in den Kontext von Hoyerswerda, Rostock und Mölln. "Damals habe es aus dem Lebensumfeld der Jugendlichen kaum deutliche Zeichen der Ablehnung gegen Ausländerhaß und Fremdenfeindlichkeit gegeben." Eben dieses Schweigen weiter Teile der Bevölkerung 'faßten die Jugendlichen' laut Senne als Zustimmung zu ihrer Meinung auf. 'Es entstand also auch deshalb kein Unrechtsbewußtsein bei ihnen, weil ihnen das Lebensumfeld nicht signalisierte, daß es Unrecht ist.' Der Stadt Osfildern könne die Untat in Kemnat jedoch nicht angelastet werden, denn dort wird 'besonders viel zur Bearbeitung der Jugendprobleme getan'." 

Aus der Esslinger Zeitung von 7.5.1993

"Denen wurde signalisiert: Ausländer klatschen wird eher toleriert als Autos aufbrechen", so Prof. Senne.

Mittlerweile gibt es vor Ort zumindest einen Aufkleber der "Kemnater Achsen" mit Kurzinfo zu dem Fall an einem Lichtmasten an der Kreuzung. Allerdings: dieses Abbild ist größer als das Original, und man muss es finden.

Amnesie

2022 jährte sich der Mord an Sadri Berisha zum 30. Mal, ohne dass die Öffentlichkeit in irgendeiner Weise davon Notiz genommen hätte. Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung vor Ort fehlt, die Tat von 1992 scheint vergessen. Außer dem obigen Aufkleber an einem Lichtmasten gibt es im Stadtraum keinerlei Hinweis auf die Tat, auch keinen Wikipedia-Eintrag zu dem Fall - dies wollen Vlore Krug und ich nun ändern (Juni 2024).

In der "Chronik der Stadt Ostfildern 1992-2022" findet sich folgender Eintrag:

Bundesweiter Kontext und Kontinuität

Die Tat in Kemnat reiht sich ein in eine Folge von fremdenfeindlichen, rassistischen Anschlägen, die 1990 begannen:

Nicht lange vorher, am 6.12.1990, war Amadeu Antonio, ein aus Angola stammender Vertragsarbeiter der DDR, kurz nach der Wende in Eberswalde ermordet worden. 

Zwischen dem 17. und 23. September 1991 kam es zu rassistischen  Übergriffen in Hoyerswerda. Die Polizei war damals nicht gewillt, die Angriffe zu stoppen.

Dann folgte der Anschlag in Kemnat am 8.7.1992.

Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen kurz danach, zwischen dem 22. und 26. August 1992 gegen ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter im "Sonnenblumenhaus" in Rostock-Lichtenhagen waren die massivsten rassistisch sowie fremdenfeindlich motivierten Angriffe in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkrieges.

An den Ausschreitungen beteiligten sich mehrere hundert teilweise rechtsextreme Randalierer und bis zu 3000 applaudierende Zuschauer, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behinderten.

Wenige Monate später, am 23. November 1992, kamen in Mölln zwei türkische Mädchen und ihre Großmutter in den Flammen um; weitere Familienmitglieder wurden beim Sprung aus den Fenstern schwer verletzt, einige konnten von der Feuerwehr gerettet werden. 

Dem Mordanschlag von Solingen fielen am 29. Mai 1993 fünf Mitglieder einer türkischen Familie zum Opfer, 17 weitere erlitten bleibende Verletzungen.

Als NSU-Mordserie bezeichnet man neun rassistisch motivierte Morde an Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund, davon acht Türkeistämmige und ein Grieche, die die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zwischen 2000 und 2006 in deutschen Großstädten verübte. Die Mordkommission ermittelte lange "Dönermorde" im migrantischen Milieu.

Der Anschlag in Halle (Saale) am 9. Oktober 2019 war der Versuch eines Massenmordes an Juden an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Der erklärte Rechtsextremist versuchte mit Waffengewalt, in die Synagoge einzudringen, um so viel Juden wie möglich zu töten - nachdem ihm dies misslang, erschoss er eine Passantin und den Gast einer Döner-Bude. Den Tatverlauf übertrug er per Helmkamera als Livestream.

Dem Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020 fielen neun Hanauer mit Migrationshintergrund zum Opfer. Der rechtsextreme Täter war ein 43-jähriger Hanauer, der anschließend seine Mutter und sich selbst erschoss. 

Wie könnte vor Ort und bundesweit der Perpetuierung solcher Taten Einhalt geboten werden?

Link zu Überlegung für einen möglichen (Ge-)Denk- oder Erinnerungsort