"8-er"

Work in Progress, Fahrradschlauch

 

 

"Keplers Alptraum" (Lemniskate), 2013, 2 Motoren, mechanische Komponenten, Steuerung, 72 x 172 x 47cm

 

Die Arbeit sollte ursprünglich eine „Zeichenmaschine“ werden, die eine „Lemniskate“ (eine liegende Acht bzw. das math. Symbol für Unendlichkeit) zeichnet. Im Laufe der Arbeit mutierte es in eine kosmische Dimension, indem es die Umlaufbahn eines Planeten simuliert. Es wurde zu einer Hommage an Johannes Kepler (1571-1630) aus Weil der Stadt und seiner unglaublichen Lebensleistung im Kontext seiner damals äußerst widrigen Lebensumstände.

Bei seinen Beobachtungen und den darauf basierenden Berechnungen der elliptischen Planetenumlaufbahnen kam er aufgrund der Tatsache, dass sein Beobachterstandpunkt - die Erde - sich selbst auf einer Umlaufbahn bewegt, zunächst zum Ergebnis, dass der Mars eine Schleifenbahn habe. Er musste also zunächst die Umlaufbahn der Erde selbst genau kennen. Bei seinen Forschungen entstanden die drei Keplerschen Gesetze der Planetenumlaufbahnen.

 

Die Suche nach einem Planeten, der die Umlaufbahn einer liegenden Acht hat, ist bis heute nicht abgeschlossen.

 

Von 1615 an musste sich Kepler um die Verteidigung seiner Mutter Katharina kümmern, die unter dem Verdacht der Hexerei eingekerkert war. In einer Romanfigur in Keplers Schrift Somnium („Der Traum“), der eine magische Reise zum Mond beschreibt, meinte die Anklage Keplers Mutter wiederzuerkennen. Im Oktober 1621 erreichte er ihre Freilassung. Dabei kam ihm ein juristisches Gutachten der Universität Tübingen zu Hilfe. Keplers Mutter starb bereits ein Jahr später vermutlich an den Folgen der Folter (mindestens das "Zeigen der Folterinstrumente" wurde an ihr praktiziert).

 

Siehe auch Video zu "Keplers Alptraum (Lemniskate)" / "Kepler's Nightmare (Lemniscate)" at Youtube

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Zwei Festo-Robotinos durchfahren den Raum, jeder hat ein weiteres Gefährt huckepack bei sich: einen Kinderwagen und  einen Rollator. Erst nach ein wenig Beobachtungszeit stellt sich heraus, dass die beiden kuriosen Gespanne eine bestimmte Kurvenform fahren, die liegende Acht, das Unendlichkeitszeichen.

 

Weiterer Text siehe unten 

 

See also Video on Youtube

 

Die Lemniskate steht für die Sehnsucht des Menschen nach Unendlichkeit - für den endlos scheinenden Kreislauf des Lebens, auch für die sisyphoshafte Wiederholung eines Vorgangs. Die Lemniskate entsteht aus der Kreisform, wobei die Verdrehung des Kreises zwei neue kreisförmige Gebilde, die an einem dramatischen Punkt zusammenhängen, und eine neue Form, das Kreuz, entstehen lässt. Das Wegkreuz stellt eine Wahlmöglichkeit zur Verfügung, versinnbildlicht das Zentrum oder die vier Himmelsrichtungen, birgt aber auch die Gefahr der Kollision. Im Gegensatz zum kontinuierlichen Kreislauf verleiht die Lemniskate dem Rhythmus des Lebens, dem Zusammenwirken der Gegensätze Gestalt. Polaritäten wie Sommer und Winter, Tag und Nacht, Einatmen und Ausatmen kommen durch die Symmetrie in den Sinn, auch die größte und gewaltigste existentielle Polarität für uns Menschen, die von Geburt und Tod.

Die hier nicht direkt sichtbare Unendlichkeitsform, die Kinderwagen und Rollator in den Raum zeichnen, thematisiert nicht zuletzt Zeit. In der Bewegung der gekreuzten Schleife, die diese Gefährte immer und immer wieder beschreiben, verweisen sie auf den Fluss der Zeit, allerdings auf keinen gleichmäßigen (wie beim Kreis). Der Fluss der Zeit beinhaltet Vergänglichkeit und damit auch Endlichkeit des Seins, ein innerer Widerspruch zur Lemniskatenform. Während das eine Gefährt auf die Vergangenheit verweist, deutet das andere die Zukunft an. Die Installation hat etwas Gegensätzliches und Janusköpfiges, sie baut eine Vorstellung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit auf. Mit Kinderwagen und Rollator auf Leben und Sterben, Aufblühen und Verwelken zu verweisen, beschreibt ein Denken in Rhythmen und Zyklen. Im Durchlauf des Nullpunktes gibt es Anfang und Ende immer wieder aufs Neue. Die Analogie zur individuellen Lebensspanne mit ihren Endlosschleifen und Repetitionen liegt auf der Hand. Auch über die eigene Lebensspanne hinaus ist die Endlosloop gültig, im Makrobereich beginnt die größte denkbare Zeitspanne mit dem Urknall. Dieser Anfang des Weltalls ist allerdings genauso wenig vorstellbar wie dessen Ende (1). Dazwischen vollziehen sich die vielen Mikro- und Makrorhythmen, vom Herzschlag über den Atem bis zum Tag- und Nachtwechsel und den Jahreszeiten, bis hin zum Kommen und Gehen der Generationen, Jahrhunderte, Zeitalter und Epochen.

  

Der Kinderwagen zeugt vom Mobilitätsbedürfnis von Kindsbeinen an, obwohl die Beine noch nicht tragen. Er steht für den Anfang, dem der Reiz des Neubeginns innewohnt. Der Kinderwagen bezeugt auch den Bewegungsdrang der Eltern. Besser als das Tragen ist auf jeden Fall das Fahren einer Last. Es lebe die Erfindung des Rades.

Den Rollator gibt es noch nicht so lang, in seiner modernen Form erfand ihn 1978 die Schwedin Ani Wifalk, die aufgrund einer Kinderlähmung selbst gehbehindert war. Erst in den 1990iger Jahren verbreitete er sich in Europa und erlaubt Senioren die Fortbewegung, das Einkaufen und Ausruhen. Er zeugt von einem Mobilitätsbedürfnis, obwohl die Beine kaum mehr tragen. Bewegung ist bekanntlich nicht nur ein Bedürfnis, sondern eine Notwendigkeit der Gesundheitserhaltung. 

 

Die beiden Gefährte, die für das erste und letzte menschliche Fortbewegungsmittel stehen, werden durch Roboterfahrzeuge auf der Lemniskatenschleifenform fortbewegt, präsentiert, vorgestellt. Was Kinderwagen und Rollator selbst nie könnten, eine Schleifenform zu fahren und miteinander zu kommunizieren, sich abzustimmen, damit am Kreuzungspunkt keine Kollision erfolgt, erlaubt moderne Technik auf dem Stand der Zeit. Sie ermöglicht dank der Sensorik, dass kein Betrachter gefährdet wird, dass also eine Interaktion mit den Besuchern erfolgt. In der zugleich dienenden und helfenden wie auch befreienden Funktion der Technik und ihrem sisyphoshaften Tatendrang werden ihre besten Möglichkeiten offenbar. Man stelle sich vor, Sisyphos hätte maschinelle Unterstützung gehabt!

 

Erfreulich wäre in jedem Fall, wenn im Betrachter ein Lächeln oder Schmunzeln evoziert werden könnte, sei es durch kleine Slapstick-Einlagen, etwa wenn Kinderwagen und Rollator am Kreuzungspunkt aufeinandertreffen und Unentschiedenheit signalisieren, weil sie sich durch hin- und herwenden scheinbar nicht einigen können, wer wohin ausweicht. Vielleicht auch beim "Zügchenspiel" (hintereinander herfahren) oder "Fangen" bzw. "Verfolgen", wobei mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten gefahren und durch plötzliche Beschleunigung ein "besorgtes Nachrennen" des Rollators oder "Davonrennen" des Kinderwagens simuliert wird. Die Entschleunigung des "verfolgenden" Rollators kann als "Kontrollverlust" Besorgnis erregen, weil der Rollator zurückbleibt. Beide Vehikel könnten zufallsgesteuert überraschende und fahrzeugtypische Ruckel- oder Schwingbewegungen ausführen, etwa bei einem gespielten stotternden Anfahren oder im Rahmen ihrer Möglichkeiten kleine tänzerische Einlagen (zwei Schritt vor, einer zurück) vorführen. Oder der richtige Weg muss gesucht werden, wobei es auch einmal nötig werden könnte, einen Fehltritt zu revidieren und rückwärts zu fahren. Gerade bei Annäherung und Begegnung, sei es am Kreuzungspunkt oder auf der Strecke, könnten durch Beschleunigung und Entschleunigung oder plötzliche Bremsmanöver oder aber durch unerwartetes aneinander Vorbeifahren vielfache kleine ballettartige Einlagen entstehen. Natürlich dürfte auch ein wenig Galgenhumor dabei sein.

 

Die gefahrene Lemniskaten-Schleifenform ist wie gesagt nicht direkt ablesbar (wie es etwa bei einer Induktionsschleife wäre), und entzieht sich einer vordergründigen Betrachtung, so wie der Fluss der Zeit auch nicht immer bewusst und präsent ist. In einem fortgeschrittenen Programmierstadium könnten sich die gefahrenen Schleifen verändern, sowohl was ihre Größe als auch ihre Lage im Raum anbetrifft. Die Schleifenformen tragen damit einem subjektiven Zeitgefühl von Dehnung und Raffung Rechnung und verweigern sich dem Erwartbaren. Die Zukunft bleibt damit nicht berechenbar.

 

Die verwendete zeitgenössische Technik mit Sensorik, Orientierung im Raum, Ortung von Hindernissen, Steuerungstechnik und Rückmeldeschleifen zeigt hier zunehmend anthropomorphe Qualitäten. Technik und Wissenschaft stehen am Kreuzungspunkt eines Paradigmenwechsels und nähert sich natürlichen, organischen Systemen an.

 

(1) Vermutlich muss auch das Universum zyklisch gedacht werden zwischen kollabierend und expandierend. Demnach wäre alles schon immer da und wird auch eine unendliche Zeit existieren. Man könnte dann nicht vom Anfang des Universums und der Singularität des Urknalls noch von dem Ende sprechen. Danach könnte man von einem oszillierenden Universum ausgehen, der Urknall wäre dann das Resultat des Kollapses (big crunch) eines Vorgängeruniversums. Interessant im Zusammenhang mit der Lemniskatenschleife ist auch die Theorie der Schleifenquantengravitation oder Loop-Theorie (loop quantum gravity). Hierbei geht es um die Vereinigung von Quantenphysik und der allgemeinen Relativitätstheorie, welches eine der größten Herausforderungen der zeitgenössischen Physik darstellt.  

(Nach dem Physiker Martin Bojowald, Pennsylvania-State-University). 

 

Der Autor im zarten Kleinkindalter im Korbwagen.

Die Fahrtrichtung kritisch beurteilend...

 

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