Möglichkeit eines Erinnerungsortes

In Kemnat könnte an den 1992 von Neonazis ermordeten Kosovoalbaner Sadri Berisha (55 Jahre alt) und an den bei gleicher Gelegenheit zum Krüppel geschlagenen siebenfachen Familienvater und Landsmann Sahit Elezaj (46 Jahre alt) erinnert werden. Beide wurden in der Nacht auf den 8. Juli 1992 im Schlaf von Neonazis überfallen.

Das Haus Hagäckerstr. 5 in Kemnat - der Tatort - steht allerdings nicht mehr.

Wenige Monate später, am 23. November 1992, ermorden Neonazis drei Türkinnen im Brandanschlag von Mölln.

Rassistische Anschläge wiederholen sich seitdem leider immer wieder, so die Morde des NSU oder der Anschlag von Hanau.

 

Possibility of a memory site

In Kemnat, the Kosovo Albanian Sadri Berisha (55 years old), who was murdered by neo-Nazis in 1992, and the seven-time family man and compatriot Sahit Elezaj (46 years old), who was crippled on the same occasion, could be remembered. Both were attacked in their sleep by neo-Nazis on the night of July 8, 1992.

The house Hagäckerstr. 5 in Kemnat - the scene of the crime - is no longer standing.

Haus Hagäckerstr. 5 in Kemnat, heute Hagäckerstr. 7. Dieses Haus war der Tatort und wurde ca. 1995 abgerissen.

Bildnachweis: Stadtarchiv Ostfildern - danke für die Abbildungsmöglichkeit!

House Hagäckerstr. 5 in Kemnat, today Hagäckerstr. 7 This house was the scene of the crime and was torn down about 1995.

Picture credits: City Archive Ostfildern - thank you for the possibility of reproduction!

Der Tatort heute, Hagäckerstr. 7: Links etwa 50m die Hagäckerstr. hinunter sieht man noch die Bushaltstelle "Schönbergstraße" an demselben Ort.

The crime scene today, Hagäckerstr. 7: On the left you can still see the bus stop "Schönbergstraße" at the same place.

Passfoto Sadri Berishas

Fotos und Text mit freundlicher Genehmigung des "STERN" (aus STERN, Ausgabe 17/1993).

Sahit Elezaj im Krankenhaus in Ostfildern-Ruit. Foto von Micheal Latz, Filder-Zeitung (mit freundlicher Genehmigung von Herrn Latz).

Sahit Elezaj im Krankenhaus in Ostfildern-Ruit. Foto von Micheal Latz (mit seiner freundlicher Genehmigung)

Die Tatwaffe mit Zollstock (Polizeifoto).

Auf dieser Sol LeWitt - Arbeit zwischen Heumaden und Ruit befand sich zu Zeiten des Mordes 1992 ein Grafitti:

"Nur ein paar hundert Meter von Sahits Krankenzimmer entfernt hat der amerikanische Bildhauer Sol Lewitt vor kurzem eines seiner Mauerobjekte errichtet. Vor ein paar Tagen haben bisher unbekannte Täter die Plastik mit einem Vorschlaghammer zerstört. „So ein Scheiß“, steht jetzt in gesprühten Lettern darauf, daneben ein Hakenkreuz. Und: „Sol Lewitt, du Arsch“, gezeichnet „GTI- Club Ostfildern“."

TAZ-Artikel von Dietrich Willier vom 8.8.2022: „Deutschland ist gut, es gibt Arbeit“, siehe

https://taz.de/Deutschland-ist-gut-es-gibt-Arbeit/!1658357/

Demonstration in Kemnat nach dem Mord an Sadri Berisha.

Dieser Bericht erschien anlässlich der Ermordung von Sadri Berisha am 11.7.1992 in den Stuttgarter Nachrichten.

Entsetzliche Szenen mit Hitlergruß, nicht in fernen Ostdeutschland, sondern erkennbar in der Hauptstraße von Kemnat, etwa ein Jahr vor dem Mord. Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Thoma Hörner

Als ausländerfeindlich empfindet sich kaum ein Bürger, wenn man ihn fragt. Aber ein Milieu für solche Parolen muss jedoch offensichtlich vorhanden sein. Dank an Krishna Lahoti für die Abbildungserlaubnis.

Lebenslange Haft bekam Thomas Wede (25), der den tödlichen Schlag ausgeführt hatte. Die sechs anderen Neonazis wurden zu Freiheitsstrafen zwischen neun Jahren und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

 

"Der Haupttäter wurde wegen Mordes aus niederen Beweggründen zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt und saß 25 Jahre ein. Obwohl das Gericht so urteilte, zeigte sich in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Tat eine Gleichzeitigkeit von Entsetzen über die Tat und der Entpolitisierung der Täter bzw. der Tatmotive. Bis heute existiert kein öffentliches Erinnern an die Tat. Der Beitrag arbeitet heraus, wie es zu der politischen Verharmlosung der Tat kam, obwohl Polizei, Justiz und nicht zuletzt die Täter sich eindeutig äußerten."

Prof. Dr. Gabriele Fischer, siehe

https://www.idz-jena.de/pubdet/wsd6-9

Mittlerweile gibt es vor Ort zumindest einen Aufkleber der "Kemnater Achsen" mit Kurzinfo zu dem Fall an einem Lichtmasten an der Kreuzung. Allerdings: dieses Abbild ist größer als das Original, und man muss es finden.

 

Überlegung für einen möglichen Erinnerungsort

Das Haus, in der der Überfall/Mord stattfand, ist heute durch ein Industriegebäude der Firma Blässinger überbaut. Als Ort für ein Erinnerungs- und Denk-Zeichen wäre der Tatort möglich (Kreuzung von Hagäcker- und Schönbergstraße). Es befinden sich dort mehrere kleine Grüninseln auf dem Seitenstreifen, die für eine Aufstellung in Frage kämen. Über einen alternativen Standort, der mehr im Blick der Bevölkerung wäre, kann nachgedacht werden. Die Täter kamen aus der Parksiedlung. Der Baumhain beim Stadthaus wäre ein möglicher prominenterer Ort. Letztlich werden natürlich Stadt und Gemeinderäte darüber entscheiden müssen.

Ein kleines 1:200 Modell des Tatorts mit Himmelsleiter liegt vor, siehe unten.

Eine erste Idee war ein ca 5m hoher Baseballschläger, der von Neonazis gern als Schlagwaffe mitgeführt wird. Diese aggressive Symbolik wäre jedoch sehr täterzentriert und mancher würde dieses Zeichen womöglich als bedrohlich empfinden. Eine andere Überlegung war, eine Art von muslimischem Grab darzustellen. Da ein muslimisches Grab im ursprünglichen Sinne jedoch sehr unscheinbar ist und lediglich mit einem Stein markiert wird als Hinweis, sich im Grabbereich würdig zu verhalten, ist es fraglich, ob beispielsweise ein Findling am Wegesrand überhaupt auffällt.

Schließlich fiel die Wahl auf eine "Himmelsleiter" die in allen drei abrahamitischen Religionen vertreten ist und insofern ein übergreifendes und verbindendes Symbol darstellt.

Bick von der Hagäcker Str. Richtung Süd, rechts die Schönbergstr. und die Blässinger-Gebäude an der Stelle, wo früher das Haus Hagäcker 5 stand, der Tatort. Nördlich der Kreuzung wären an der Westecke (hier im Vordergrund) zwei kleine Rasenstücke mit jeweils einem Baum - vielleicht ein Standort für eine Skulptur zum Thema?

Ebenfalls nördlich der Kreuzung Hagäcker- und Schönbergstr., aber an der Ostecke ebenfalls zwei kleine Rasenstücke mit jeweils einem Baum - ein möglicher Standorte für eine Gedenk-Skulptur, die ich für mein Modell gewählt habe.

Grünflächen jeweils mit Baum. Die rote Fläche entspricht dem abgerissenen Tatort Hagäckerstr. 5

Modell, in dem die Himmelsleiter an der N-O-Ecke der Kreuzung platziert wurde.

Blick im Modell von Nord Richtung Süd. Rechts hinten das Gebäude Blässinger Hagäcker 7.

Blick im Modell nach Nord, die Schraube entspricht einer Person von ca. 1,8m Größe. Links das Gebäude Blässinger Hagäcker 7.

Skizze einer "Himmelsleiter" mit 10,5m Höhe, wobei die untern 3,5m ab Oberkante Boden keine Sprossen hat, um eine Besteigung zu verunmöglichen. Eine Besteigung wäre nur mit einer mindestens 4m hohen Leiter möglich und wäre dann gewiss in eigener Verantwortung. Der Sockel könnte ca. 50-60cm aus dem Boden ragen, sodass die Leiter dem Hundebereich enthoben ist. Der Sockel böte außerdem die Möglichkeit, ein verallgemeinernde Inschrift auf 4 Seiten anzubringen, z.B.

                                                                       Nichts gehört der Vergangenheit an,

alles ist noch Gegenwart

und kann wieder Zukunft werden.

Fritz Bauer

Fritz Bauer (1903-1968) ist in Stuttgart geboren und wurde als hessischer Generalstaatsanwalt Initiator des Frankfurter Auschwitz Prozesses 1963-65

Jüdischer Kulturkreis: Marc Chagall "Jakobs Traum", Gemälde H195 x B 278cm, 1950er Jahre, Musee Nationale

Message Biblique Marc Chagall in Nizza

Christlicher Kulturkreis: Darstellung des schlafenden Jakobs mit der Himmelsleiter im Hintergrund, wie sie in den ursprünglichen Lutherbibeln zu finden war (um 1534). LZB in Flensburg - Niederdeutsche Lutherbibel von 1574-1580, Bild 11B; schon in der Luterbibel von 1534 war die Abbildung abgedruckt. Photo Credit Sönke Rahn.

Islamischer Kulturkreis: Mohammed während der Nachtreise (Miradsch Nameh).auf seiner geflügelten Stute inmitten von Engeln. Persische Miniatur, 16. Jh., British Library London

siehe auch "Buch von Mohameds Leiter": 

https://en.wikipedia.org/wiki/Book_of_Muhammad%27s_Ladder#:~:text=The%20Book%20of%20Mu%E1%B8%A5ammad%27s%20Ladder,Mahomet)%20from%20traditional%20Arabic%20materials.

Improvisierte Holzleitern in der spanischen Enklave Melilla, mithilfe derer etliche Flüchtlinge aus Marokko versuchen, den hohen Grenzzaun zu überwinden.

Hinrichtung des Josef Süß Oppenheimer am 4. Februar 1738 vor den Toren Stuttgarts. Der reale Galgen maß mit Fundament zwölf Meter. Detail aus: Kupferstich von Lucas Conrad Pfandzelt und Jacob Gottlieb Thelot, 1738, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Graphische Sammlungen.

Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_S%C3%BC%C3%9F_Oppenheimer

Am Josef Süsß Oppenheimer-Platz in Stuttgart haben Bettina Bürkle und ich 1999 ein Kunstprojekt mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt, siehe:

https://www.klaus-illi.de/himmelsleitern-skyladders/josef-suess-oppenheimer-platz-1999/

Hinrichtung der Mennonitin Anneken Hendriks 1571 auf dem Scheiterhaufen in Amsterdam mit Schießpulver im Mund.. Darstellung aus dem Märtyrerspiegel, Radierung von Jan Luyken.

Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Anneken_Hendriks

Ich habe bereits ein paar mal mit temporären Himmelsleitern gearbeitet,

siehe https://www.klaus-illi.de/himmelsleitern-skyladders/

dort weitere Unterseiten, z.B. zur temporären Installation von Himmelsleitern in Ostfildern

https://www.klaus-illi.de/himmelsleitern-skyladders/himmelsleitern-skyladders-ostfildern-2013-14/