Albert Fritz

Löwenwirt

geb. 14.12.1892, gest. 11.4.1945

Kirchheimer Str. 43

Ostfildern-Ruit

Albert Fritz in Infantrieuniform des 1. Weltkriegs, um 1914/15, 22/23 Jahre alt. Links sitzend sein Bruder.

Albert ist bei Arras und Verdun zweimal verschüttet worden und mit Anfällen und einem kranken Bein, das er hinterherzog, schwer kriegsversehrt zurückgekommen.

Ab 1926 Löwenwirt. Während des Krieges war der holländische Zwangsarbeiter Hendrik Hamerslag im "Löwen" untergebracht.

Albert Fritz in infantry uniform of World War I, around 1914/15, 22/23 years old. Sitting on the left is his brother.

Albert was buried twice at Arras and Verdun and came back with seizures and a sick leg, which he dragged behind him, seriously injured.

From 1926 on innkeeper of the "Löwen". During the war Dutch forced labourer Hendrik Hamerslag was accommodated there.

In Ruit wird an die denkwürdige Erschießung des Löwenwirts Albert Fritz durch den Ortsgruppenleiter Theodor Fritz wegen Hörens eines „Feindsenders“ 11 Tage vor der Befreiung, am 10. April 1945 erinnert. Das Haus des früheren Gasthof Löwen steht noch und befindet sich im heutigen Ostfildern-Ruit in der Kirchheimer Str. 43.

Die Tat ist das einzig bekannte politische Gewaltverbrechen im nationalsozialistischen Ruit. Sie ist im Kontext der „Endphaseverbrechen“ zu sehen, denen etwa 8000 fahnenflüchtige deutsche Soldaten sowie zahllose KZ-Insassen, Widerständler und Kriegsgefangene zum Opfer fielen.

In Ruit, the memorable shooting of the innkeeper of the "Lion", Albert Fritz by the local group leader Theodor Fritz for listening to an "enemy broadcaster" 11 days before the liberation, on 10 April 1945, is remembered. The house of the former "Löwen" inn is still standing and is located in the contemporary Ostfildern-Ruit at Kirchheimer Str. 43.

The crime is the only known violent political crime in National Socialist Ruit. It is to be seen in the context of the "final phase crimes", to which about 8000 deserting German soldiers as well as countless concentration camp inmates, resistance fighters and prisoners of war fell victim.

Ein Plexibriefkasten ist am früheren Gasthof Löwen bzw. an der Bushaltestelle angebracht. Die Postkarte zur kostenlosen Entnahme dient als Information zu den historischen Vorkommnisse 11 Tage vor der Befreiung am 10.4.1945.

A plexiglass mailbox is installed at the former pub 'Lion' or rather at the bus stop. The postcard to be taken for free serves as information about the historical events 11 days before the liberation on 10.4.1945.

Esslinger Zeitung vom 4.4.2020, S.21 über das Projekt "Weiße Flagge zeigen".

Esslinger Zeitung of 4.4.2020, p.21 about the project "Show the white flag".

Elf Tage vor der Befreiung,  am 10. April 1945, wurde der Löwenwirt Albert Fritz (geb. 14.12.1892) vom Ortsgruppenleiter erschossen, weil er angeblich "Feindsender" gehört hatte.

Sein Grabstein mit der kaum mehr lesbaren Inschrift „Opfer des Nationalsozialismus“, wurde nun vom Künstler Uli Gsell restauriert.

Es wird zu einem "Gedenkspaziergang" im Laufe des 10.4.2020 auf den Soldatenteil des Friedhofs in Ostfildern-Ruit  aufgerufen. Die Bürger können (virusbedingt) individuell zur Erinnerung und Mahnung Blumen niederlegen und auch der anderen drei zivilen Opfer gedenken, deren Gräber im direkten Umkreis liegen. Weitere Informationen vor Ort, auch über das kaum 200m entfernte Gebäude des ehemaligen Gasthauses „Löwen“, wo man den individuellen Spaziergang abschließen kann.

Eleven days before the liberation, on April 10 1945, Albert Fritz (born December 14, 1892), the innkeeper of the "Lion", was shot dead by the local nazi leader because he had allegedly heard "enemy broadcast".

His gravestone with the hardly legible inscription "Victims of National Socialism" has now been restored by the artist Uli Gsell.

It is called for a "commemorative walk" in the course of April 10 2020 to the soldiers section of the cemetery in Ostfildern-Ruit. The citizens can (due to the virus) individually lay down flowers as a reminder and also commemorate the other three civilian victims whose graves lie in the immediate vicinity. Further information on the spot, also about the building of the former inn "Löwen", hardly 200m away, where the individual walk can be finished.

Der vom Künstlerkollegen Uli Gsell restaurierte Grabstein.

Geplant ist, hier am 10.4.2020, dem 75sten Jahrestag seiner Erschießung, individuell Blumen niederzulegen.

The gravestone restored by artist colleague Uli Gsell.

It is planned to lay flowers here individually on April 10, 2020, the 75th anniversary of his shooting.

Im unmittelbaren Umfeld des Grabs von Albert Fritz befindet sich das Privatgrab von Vater und Sohn Blessing (Bild oben) sowie das von Karl Wais (unten).

In the immediate vicinity of the grave of Albert Fritz is the private grave of father and son Blessing (picture above) and that of Karl Wais (below).

Die drei Zivilisten sind in Ruit durch die einmarschierenden französischen Truppen erschossen worden. Die französischen Truppen waren am Spätnachmittag des 20.4. in Ruit auf eine Panzersperre im Zentrum Ruits gestoßen. Weil Widerstand beim Einmarsch zu befürchten war, wollte das Kommando das Dorf nicht bei Dunkelheit einnehmen, sondern zog sich ca. 800m südlich in die Talwiesen zurück und nächtige dort in einer Art Wagenburg. In jener Nacht ist dort der französische Legionär Charles Prehm gefallen, außerdem wurden die beiden Volkssturmmänner Walter Läpple aus Ruit und der Scharnhäuser Wilhelm Kaiser mit einer Panzerfaust angetroffen und getötet. Am nächsten Morgen stießen die Truppen auf Ruit vor und schossen zunächst Scheunen in der Scharnhäuser Straße in Brand. Inzwischen waren die Truppen kurz vor jener Panzersperre am Haus Blessing (Kirchheimer Str. 72) angelangt. Karl Wais von der Scharnhäuser Str. 3 langte ebenfalls beim Haus Blessing an und wollte den Elektromeister Eugen Blessing holen, um die brennenden Scheunen von der Stromversorgung abzuklemmen. Die Franzosen fragten den nichtsahnenden Karl Wais, ob deutsche Soldaten im Haus Blessing wären, was er verneinte – er hatte nicht wissen können, dass sich tatsächlich kurzfristig ein deutscher Soldat dort im Keller aufhielt. Standrechtlich wurden daraufhin Karl Wais, Vater Friedrich und Sohn Eugen Blessing erschossen.

 

The three civilians were shot in Ruit by the invading French troops. The French troops had encountered a tank blockade in the centre of Ruit in the late afternoon of 20.4. Because resistance was to be feared during the invasion, the command did not want to take the village in darkness, but withdrew about 800m into the valley meadows and spent the night there in a kind of wagon fortress. That night the French legionary Charles Prehm was killed there. In addition, the two Volkssturm men Walter Läpple from Ruit and Ernst Kaiser from neighbouring village Scharnhausen were seen with a bazooka and killed. The next morning the troops advanced on Ruit and first of all set fire to barns in Scharnhäuser Strasse. In the meantime the troops had arrived at Haus Blessing (Kirchheimer Str. 72) shortly before that tank blockade. Karl Wais from Scharnhäuser Str. 3 also arrived at Haus Blessing and wanted to call the master electrician Eugen Blessing to disconnect the burning barns from the power supply. The French asked the unsuspecting Karl Wais if there were any German soldiers in Blessing's house, which he denied - he had not been able to know that a German soldier was actually there in the cellar at short notice. Karl Wais, father Friedrich and son Eugen Blessing were then executed by summary judgment.

"Wirtschaft zum Löwen" auf einer Postkarte um 1900.

Dem Ortsgruppenleiter Theodor Fritz wurde nach dem Krieg der Prozess gemacht.

Gerichts- bzw. Spruchkammerakte aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg, Signatur EL903/3, Bü.91

"Ortsgruppenleiter Fritz wurde nach Kriegsende interniert, 1947 wegen Totschlags verurteilt und 1951 schließlich

aus dem Zuchthaus entlassen." Projektgruppe „Geschichte vor Ort“: Geschichte der Gasthäuser in Ostfildern. In: Aus der Geschichte Ostfilderns. Ostfildern 2006 (Schriftenreihe des Stadtarchivs Ostfildern, Bd. 7), s. S. 49-157, hier S. 139.

Beim Strafmaß des Ortsgruppenleiters wurde die Internierung (was ja auch Haft war) angerechnet. Er war also insgesamt sechs Jahre inhaftiert und lebte danach ein "normales", unauffälliges Leben in Ruit.