Albert Fritz

Löwenwirt

geb. 14. Dezember 1892, gest. 10. April 1945

Kirchheimer Str. 43

Ostfildern-Ruit

In Ruit ist die Befreiung völlig anders und verbunden mit mehreren tragischen letzten Todesopfern abgelaufen als im Nachbardorf Kemnat, weil die Fanatiker Oberhand behielten und die Panzersperren nicht vor dem Eintreffen der französischen Truppen entfernt worden waren.

Elf Tage vor der Befreiung,  am 10. April 1945, wurde der Löwenwirt Albert Fritz (geb. 14.12.1892) vom Ortsgruppenleiter erschossen, weil er angeblich "Feindsender" gehört hatte.

Sein Grabstein mit der kaum mehr lesbaren Inschrift „Opfer des Nationalsozialismus“, wurde nun vom Künstler Uli Gsell restauriert.

Es wurde zu einem "Gedenkspaziergang" im Laufe des 10.4.2020 auf den Soldatenteil des Friedhofs in Ostfildern-Ruit  aufgerufen. Die Bürger konnten (virusbedingt) individuell zur Erinnerung und Mahnung Blumen niederlegen und auch der anderen drei zivilen Opfer gedenken, deren Gräber im direkten Umkreis liegen. Weitere Informationen vor Ort, auch über das kaum 200m entfernte Gebäude des ehemaligen Gasthauses „Löwen“, wo man den individuellen Spaziergang abschließen kann.

In Ruit, the liberation was completely different and involved several tragic final deaths then in the neighbouring village of Kemnat, because the fanatics got the upper hand and the tank traps had not been removed before the arrival of the French troops.

Eleven days before the liberation, on April 10 1945, Albert Fritz (born December 14, 1892), the innkeeper of the "Lion", was shot dead by the local nazi leader because he had allegedly heard "enemy broadcast".

His gravestone with the hardly legible inscription "Victim of National Socialism" has now been restored by the artist Uli Gsell.

It was called for a "commemorative walk" in the course of April 10 2020 to the soldiers section of the cemetery in Ostfildern-Ruit. The citizens can (due to the virus) individually lay down flowers as a reminder and also commemorate the other three civilian victims whose graves lie in the immediate vicinity. Further information on the spot, also about the building of the former inn "Löwen", hardly 200m away, where the individual walk can be finished.

 

Albert Fritz in Infanterieuniform des 1. Weltkriegs, um 1914/15, 22/23 Jahre alt.

Links sitzend sein vier Jahre jüngerer Bruder Eugen in Artillerieuniform, 1896 - 1970.

Albert ist bei Arras und Verdun zweimal verschüttet worden und mit Anfällen und einem kranken Bein, das er hinterherzog, schwer kriegsversehrt zurückgekommen. Manche Ruiter meinen heute noch, er habe einen "Holzfuß" gehabt.

Ab 1926 Löwenwirt. Während des Krieges war der holländische Zwangsarbeiter Hendrik Hamerslag im "Löwen" untergebracht. Albert Fritz ist bereits im Löwen aufgewachsen, der Ortsgruppenleiter (geb. 1900), der vier Häuser weiter auf der Darre wohnte, war ein Nachbarsbub. Verwandt waren sie wenn überhaupt nur entfernt. Später wohnte der Ortsgruppenleiter dann in der Scharnhäuser Str. im Haus nach "dem Stecher".

Eugens Tochter Gudrun Jaekl (geb. 1929), erzählte mir von ihrem lieben Onkel, der er ein ganz friedlicher Mensch gewesen sei und ein "lieber Kerle". Er war wegen seinen schweren Kriegsverletzungen übel dran und sei sicher kein Nazi gewesen, sein Tod war "des Teufels Dank".

 

Albert Fritz in infantry uniform of World War I, around 1914/15, 22/23 years old. Sitting on the left is his four years younger brother Eugen in artillery uniform, 1896 - 1970.

Albert was buried twice at Arras and Verdun and came back with seizures and a sick leg, which he dragged behind him, seriously injured.

From 1926 on host of the "Lion" host. During the war the Dutch forced labourer Hendrik Hamerslag was accommodated in the "Löwen". He had already grown up in the "Löwen". The local Ortsgruppenleiter (nazi leader, born in 1900), who lived four houses away on the Darre, was a neighbour's boy. They were only distant relatives, if at all. Later the Ortsgruppenleiter group leader lived in Scharnhäuser Str.

Eugen's daughter Gudrun Jaekl (born 1929), told me about her dear uncle, that he was a very peaceful person and a "dear fellow". He had been badly off because of his severe war injuries and certainly was not a Nazi, his death was "thanks to the devil".

 

In Ruit wird an die denkwürdige Erschießung des Löwenwirts Albert Fritz durch den Ortsgruppenleiter Theodor Fritz wegen Hörens eines „Feindsenders“ elf Tage vor der Befreiung, am 10. April 1945 erinnert. Das Haus des früheren Gasthof Löwen steht noch und befindet sich im heutigen Ostfildern-Ruit in der Kirchheimer Str. 43.

Die Tat ist das einzig bekannte politische Gewaltverbrechen im nationalsozialistischen Ruit. Sie ist im Kontext der „Endphaseverbrechen“ zu sehen, denen etwa 8000 fahnenflüchtige deutsche Soldaten sowie zahllose KZ-Insassen, Widerständler und Kriegsgefangene zum Opfer fielen.

 

In Ruit, the memorable shooting of the innkeeper of the "Lion", Albert Fritz by the local group leader Theodor Fritz for listening to an "enemy broadcaster" eleven days before the liberation, on 10 April 1945, is remembered. The house of the former "Löwen" inn is still standing and is located in the contemporary Ostfildern-Ruit at Kirchheimer Str. 43.

The crime is the only known violent political crime in National Socialist Ruit. It is to be seen in the context of the "final phase crimes", to which about 8000 deserting German soldiers as well as countless concentration camp inmates, resistance fighters and prisoners of war fell victim.

 

Ein Plexibriefkasten mit Infotafel ist am früheren Gasthof Löwen bzw. an der Bushaltestelle angebracht. Die Postkarte zur kostenlosen Entnahme dient als Information zu den historischen Vorkommnisse 11 Tage vor der Befreiung am 10. April 1945.

Die Tafel mit vertiefenden Informationen enthält einen QR-Code mit Link zu dieser Webseite.

A plexiglass mailbox with information board is installed at the former pub 'Lion' or rather at the bus stop. The postcard to be taken for free serves as information about the historical events 11 days before the liberation on April 10, 1945.

The panel with more detailed information contains a QR code with a link to this website.

Infotafel zu Albert Fritz am früheren Gasthaus Löwen bzw. der angebauten Bushaltestelle sowie an seinem Grab.

Esslinger Zeitung vom 4.4.2020, S.21 über das Projekt "Weiße Flagge zeigen".

Esslinger Zeitung of 4.4.2020, p.21 about the project "Show the white flag".

Elf Tage vor der Befreiung,  am 10. April 1945, wurde der Löwenwirt Albert Fritz (geb. 14.12.1892) vom Ortsgruppenleiter erschossen, weil er angeblich "Feindsender" gehört hatte.

Sein Grabstein mit der kaum mehr lesbaren Inschrift „Opfer des Nationalsozialismus“, wurde nun vom Künstler Uli Gsell restauriert.

Es wird zu einem "Gedenkspaziergang" im Laufe des 10.4.2020 auf den Soldatenteil des Friedhofs in Ostfildern-Ruit  aufgerufen. Die Bürger können (virusbedingt) individuell zur Erinnerung und Mahnung Blumen niederlegen und auch der anderen drei zivilen Opfer gedenken, deren Gräber im direkten Umkreis liegen. Weitere Informationen vor Ort, auch über das kaum 200m entfernte Gebäude des ehemaligen Gasthauses „Löwen“, wo man den individuellen Spaziergang abschließen kann.

Eleven days before the liberation, on April 10 1945, Albert Fritz (born December 14, 1892), the innkeeper of the "Lion", was shot dead by the local nazi leader because he had allegedly heard "enemy broadcast".

His gravestone with the hardly legible inscription "Victims of National Socialism" has now been restored by the artist Uli Gsell.

It is called for a "commemorative walk" in the course of April 10 2020 to the soldiers section of the cemetery in Ostfildern-Ruit. The citizens can (due to the virus) individually lay down flowers as a reminder and also commemorate the other three civilian victims whose graves lie in the immediate vicinity. Further information on the spot, also about the building of the former inn "Löwen", hardly 200m away, where the individual walk can be finished.

Der vom Künstlerkollegen Uli Gsell restaurierte Grabstein.

Am 10.4.2020, dem 75sten Jahrestag seiner Erschießung, wurden hier coronabedingt individuell Blumen niedergelegt.

siehe in memoriam Albert Fritz

 

The gravestone restored by artist colleague Uli Gsell.

On April 10, 2020, the 75th anniversary of his shooting, flowers were laid down here individually due to corona.

see in memoriam Albert Fritz

10.4.2020, 75 Jahre nach seinem Tod, das Grab von Albert Fritz

Weitere Fotos zum 75. Jahrestag seines Todes und der Würdigung von Albert Fritz vor Ort siehe hier. 

Kurzes Video am Grab 10.4.2020.

Artikel über die in memoriam-Albert Fritz-Veranstaltung vom 10.4.2020 in der Esslinger Zeitung, 11./12. April 2020, S.21

Im unmittelbaren Umfeld des Grabs von Albert Fritz befindet sich das Privatgrab von Vater und Sohn Blessing (Bild oben) sowie das von Karl Wais (unten).

In the immediate vicinity of the grave of Albert Fritz is the private grave of father and son Blessing (picture above) and that of Karl Wais (below).

Die drei Zivilisten sind in Ruit durch die einmarschierenden französischen Truppen erschossen worden. Die französischen Truppen waren am Spätnachmittag des 20.4. in Ruit auf eine Panzersperre im Zentrum Ruits gestoßen. Weil Widerstand beim Einmarsch zu befürchten war, wollte das Kommando das Dorf nicht bei Dunkelheit einnehmen, sondern zog sich ca. 800m südlich in die Talwiesen zurück und nächtige dort in einer Art Wagenburg. In jener Nacht ist dort der französische Legionär Charles Prehm gefallen, außerdem wurden die beiden Volkssturmmänner Walter Läpple aus Ruit und der Scharnhäuser Wilhelm Kaiser mit einer Panzerfaust angetroffen und getötet. Am nächsten Morgen stießen die Truppen auf Ruit vor und schossen zunächst Scheunen in der Scharnhäuser Straße in Brand. Inzwischen waren die Truppen kurz vor jener Panzersperre am Haus Blessing (Kirchheimer Str. 72) angelangt. Karl Wais von der Scharnhäuser Str. 3 langte ebenfalls beim Haus Blessing an und wollte den Elektromeister Eugen Blessing holen, um die brennenden Scheunen von der Stromversorgung abzuklemmen. Die Franzosen fragten den nichtsahnenden Karl Wais, ob deutsche Soldaten im Haus Blessing wären, was er verneinte – er hatte nicht wissen können, dass sich tatsächlich kurzfristig ein deutscher Soldat dort im Keller aufhielt. Standrechtlich wurden daraufhin Karl Wais, Vater Friedrich und Sohn Eugen Blessing erschossen.

 

The three civilians were shot in Ruit by the invading French troops. The French troops had encountered a tank blockade in the centre of Ruit in the late afternoon of 20.4. Because resistance was to be feared during the invasion, the command did not want to take the village in darkness, but withdrew about 800m into the valley meadows and spent the night there in a kind of wagon fortress. That night the French legionary Charles Prehm was killed there. In addition, the two Volkssturm men Walter Läpple from Ruit and Ernst Kaiser from neighbouring village Scharnhausen were seen with a bazooka and killed. The next morning the troops advanced on Ruit and first of all set fire to barns in Scharnhäuser Strasse. In the meantime the troops had arrived at Haus Blessing (Kirchheimer Str. 72) shortly before that tank blockade. Karl Wais from Scharnhäuser Str. 3 also arrived at Haus Blessing and wanted to call the master electrician Eugen Blessing to disconnect the burning barns from the power supply. The French asked the unsuspecting Karl Wais if there were any German soldiers in Blessing's house, which he denied - he had not been able to know that a German soldier was actually there in the cellar at short notice. Karl Wais, father Friedrich and son Eugen Blessing were then executed by summary judgment.

"Wirtschaft zum Löwen" auf einer Postkarte um 1900.

'Lion's inn' on a postcard from around 1900.

In memoriam Albert Fritz

Erschienen in der Stadtrundschau Ostfildern Nr. 15 am 8. April 2020, S. 28

In memory of Albert Fritz

Published in the Stadtrundschau Ostfildern No. 15 on 8 April 2020, p. 28

Ergänzende Hinweise des Stadtarchivs in derselben Stadtundschau, Nr. 15 am 8. April 2020, S. 5

Hier ein m.E. echter Verführer, der Ruiter evangelische Pfarrer Johannes Anton Neidhart, geb. 1889, kam 1931 nach Ruit.

Meine Mutter Erna Fritz, geb. 1919, erzählte, dass sie hin- und hergerissen war zwischen den Worten Ihres frommen Vaters, der Hitler für den Antichrist hielt, und jenen des Ruiter Pfarrers, einer Autoritätsperson zu diesen Zeiten.

Allerdings hat er sich wohl Anfang 1934 eines besseren besonnen...

obiger Auszug aus:

"Orts-Chronik Ruit 1924-1934", Hrsg. Jochen Bender, Schriftenreihe des Stadtarchivs Ostfildern, Band 11, 2017, S. 122

Dem Ortsgruppenleiter Theodor Fritz wurde nach dem Krieg der Prozess gemacht.

Gerichts- bzw. Spruchkammerakte aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg, Signatur EL903/3, Bü.91

The Ortsgruppenleiter Theodor Fritz was put on trial after the war.

Court or verdict chamber file from the state archives Ludwigsburg, signature EL903/3, Bü.91

"Ortsgruppenleiter Fritz wurde nach Kriegsende interniert, 1947 wegen Totschlags verurteilt und 1951 schließlich

aus dem Zuchthaus entlassen."

Projektgruppe „Geschichte vor Ort“: Geschichte der Gasthäuser in Ostfildern. In: Aus der Geschichte Ostfilderns. Ostfildern 2006 (Schriftenreihe des Stadtarchivs Ostfildern, Bd. 7), s. S. 49-157, hier S. 139.

Beim Strafmaß des Ortsgruppenleiters wurde die Internierung (was ja auch Haft war) angerechnet. Er war also insgesamt sechs Jahre inhaftiert und lebte danach ein "normales", unauffälliges Leben in Ruit.

Zu seiner vorzeitigen Entlassung hatte offenbar ein Gutachten des Ruiter Pfarrers beigetragen. Der frühere Ortsgruppenleiter hatte in seinem Antrag auf Entlassung vorgebracht, er sei Christ geworden. Nachher allerdings sei davon nichts mehr bemerkt worden, sagte man mir...

 

"Ortsgruppenleiter Fritz was interned after the end of the war, convicted of manslaughter in 1947 and finally in 1951

...from the penitentiary."

Projektgruppe 'Geschichte vor Ort' (Local History): Geschichte der Gasthäuser in Ostfildern.(History of the inns in Ostfildern.) In: Aus der Geschichte Ostfilderns.(From the history of Ostfildern.) Ostfildern 2006 (publication series of the Ostfildern City Archive, vol. 7), see pp. 49-157, here p. 139. 

The internment (which was also imprisonment) was taken into account in the sentence of the local group leader. So he was imprisoned for a total of six years and lived a "normal", inconspicuous life in Ruit after that.

Apparently, a report by the Ruit priest had contributed to his early release. The former local group leader had argued in his application for release that he had become a Christian. Afterwards, however, nothing more was noticed, I was told...