Die letzten Opfer in Ruit                                                              The latest victims at Ruit

oben: Friedrich Blessing 5.12.1870 - 21.4.1945                            top:        Friedrich Blessing Dec 5,1870 - April 21, 1945

Mitte: Eugen Blessing      10.7.1904 - 21.4.1945                           middle:  Eugen Blessing   July 10, 1904 - April 21,1945

unten: Karl Wais              23.9.1887 - 21.4.1945                            bottom: Karl Wais             Sept 23,1887 - April 21,1945 

rechts das Haus Blessing, Kirchheimer Straße 72                         right: house Blessing, Kirchheimer Straße 72

So sah der Tatort im Januar 2020 aus. Der Baumstumpf markiert den Ort, wo das Haus Blessing stand, das in den 1970iger Jahren abgerissen wurde - Standort einer Erinnerungstafel und Briefkasten für die kostenlose Postkartenmitnahme. 

In Ruit soll an die Erschießung von drei Bürgern durch die einmarschierenden französischen Truppen erinnert werden. Die französischen Truppen waren am Spätnachmittag des 20.4. in Ruit auf eine Panzersperre im Zentrum Ruits gestoßen. Weil Widerstand beim Einmarsch zu befürchten war, wollte das Kommando das Dorf nicht bei Dunkelheit einnehmen, sondern zog sich ca. 800m in die Talwiesen zurück und nächtige dort in einer Art Wagenburg. In jener Nacht ist dort der französische Legionär Charles Prehm gefallen, außerdem wurden die beiden Volkssturmmänner Walter Läpple aus Ruit und der Scharnhäuser Wilhelm Kaiser mit einer Panzerfaust angetroffen und getötet. Am nächsten Morgen stießen die Truppen auf Ruit vor und schossen zunächst Scheunen in der Scharnhäuser Straße in Brand. Inzwischen waren die Truppen kurz vor jener Panzersperre am Haus Blessing (Kirchheimer Str. 72) angelangt. Karl Wais von der Scharnhäuser Str. 3 langte ebenfalls beim Haus Blessing an und wollte den Elektromeister Eugen Blessing holen, um die brennenden Scheunen von der Stromversorgung abzuklemmen. Die Franzosen fragten den nichtsahnenden Karl Wais, ob deutsche Soldaten im Haus Blessing wären, was er verneinte – er hatte nicht wissen können, dass sich tatsächlich kurzfristig ein deutscher Soldat dort im Keller aufhielt, um seine Wehrmachtsuniform loszuwerden. Er wurde festgenommen und daraufhin Karl Wais, Vater Friedrich und Sohn Eugen Blessing standrechtlich erschossen.

Eugen Blessing hatte am Vortag noch versucht, auf die Männer an der Panzersperre am Ruiter Gemeindehaus einzuwirken, sie mögen doch die Panzersperre öffnen. "Aber sie wollten nicht auf ihn hören", notiert sein Sohn Fritz später.

Eugen hatte noch einen Zweig vom blühenden Kirschbaum als Zimmerschmuck geschnitten, der wurde ihm mit ins Grab gegeben.

 

This is what the crime scene looks like in Jan 2020. The tree stump marks the location of the Blessing house, which was demolished in the 1970s - the site of a memorial plaque and letterbox for free postcards. 

In Ruit the shooting of three citizens by the invading French troops is to be remembered. The French troops had encountered a tank blockade in the centre of Ruit in the late afternoon of 20.4. Because resistance was to be feared during the invasion, the command did not want to take the village in darkness, but withdrew about 800m into the valley meadows and spent the night there in a kind of wagon fortress. That night the French legionary Charles Prehm was killed there. In addition, the two Volkssturm men Walter Läpple from Ruit and Ernst Kaiser from neighbouring village Scharnhausen were seen with a bazooka and killed. The next morning the troops advanced on Ruit and first of all set fire to barns in Scharnhäuser Strasse. In the meantime the troops had arrived at Haus Blessing (Kirchheimer Str. 72) shortly before that tank blockade. Karl Wais from Scharnhäuser Str. 3 also arrived at Haus Blessing and wanted to call the master electrician Eugen Blessing to disconnect the burning barns from the power supply. The French asked the unsuspecting Karl Wais if there were any German soldiers at Blessing's house, which he denied - he had not been able to know that a German soldier was actually there at short notice in the cellar to get rid of his Wehrmacht uniform. He was arrested and then Karl Wais, father Friedrich and son Eugen Blessing were then executed by summary judgment.

The day before Eugen Blessing had tried to influence the men at the anti-tank barricade at the Ruiter Gemeindehaus so they might open it. "But they wouldn't listen to him," his son Fritz later noted.

Eugen had cut a branch from the blossoming cherry tree as a room decoration, which was given to him in his grave.

Tatort an der Kirchkeimer Str. 72 seit dem 21. April 2020 mit Infotafel und Postkartenbehälter.

Infotafel am Stumpf des Lebensbaumes am Grundstück des Hauses Blessing.

Auf dem Ruiter Friedhof könnten die beiden Privatgräber der beiden Blessings sowie das von Karl Wais, die am Soldatendenkmal für die Gefallenen des 1. und 2. Weltkriegs liegen, besichtig werden.

(siehe Fotos oben und unten)

Das Grab von Albert Fritz (siehe Löwenwirt Albert Fritz, Ruit) befindet sich im Soldatendenkmal, dort ist auch der Volkssturmmann Walter Läpple verzeichnet, der zwischen Ruit und Scharnhausen in der Nacht auf den 21.4.1945 getötet wurde, zusammen mit dem Volkssturmmann Wilhelm Kaiser aus Scharnhausen.

Außerdem starb in der Nacht vor dem Einmarsch der französische Soldat Charles Prehm bei den Talwiesen. 

 

At Ruit's cemetery, the two private graves of the two Blessings as well as that of Karl Wais, which are located at the soldier monument for the fallen of WW 1 and 2, could be highlighted and perhaps connected by an artistic intervention. The two private graves, which are threatened by dissolution, should be declared a monument and thus preserved.

(see photos below and above)

The grave of Albert Fritz (see Löwenwirt Albert Fritz, Ruit)is located in the Soldier's Monument, where also the Volkssturmmann Walter Läpple, killed between Ruit and Scharnhausen in the night to April 21, 1945, is listed.

Auf dem Ruiter Friedhof könnten die beiden Privatgräber der beiden Blessings sowie das von Karl Wais, die am Soldatendenkmal für die Gefallenen des 1. und 2. Weltkriegs liegen, durch einen künstlerischen Eingriff hervorgehoben und vielleicht verbunden werden. Die beiden Privatgräber, die von der Auflösung bedroht sind, sollten dabei zum Denkmal erklärt und damit erhalten werden, siehe zwei Fotos oben.

 

At Ruit's cemetery, the two private graves of the two Blessings as well as that of Karl Wais, which are located at the soldier monument for the fallen of WW 1 and 2, could be highlighted and perhaps connected by an artistic intervention. The two private graves, which are threatened by dissolution, should be declared a monument and thus preserved, see two photos below.

 

Am 10.4.2020, dem 75. Todestag von Albert Fritz, wurde nicht nur dem Löwenwirt gedacht, sondern auch die beiden Privatgräber Blessing und Wais mit Blumenschmuck markiert und eine Infotafel aufgestellt.

Siehe zum 10.4.2020 auch "in memoriam Albert Fritz"

Infotafeln an den Gräbern der drei letzten Opfer in Ruit.

Die Familie Blessing im 1. Weltkrieg, um 1916:

v.l.n.r:

Tochter Elise (26.2.1902 - 11.1.1965)

Mutter Pauline Regine (2.4.1869 – 28.2.1950, Hochzeit am 7.4.1894) 

ältester Sohn Fritz bzw. Friedrich Gustav Wilhelm (1.10.1894 – 6.11.1983, in 1. WK-Uniform , nach Amerika ausgewandert)

Tochter Anna Martha (7.8.1905 – 2.8.2001)

vorn Sohn Albert (1.11.1909 – 14.1.1987)

hinten Sohn Alfred (19.12.1898 - ...?, in 1. WK-Uniform) 

jüngster Sohn Otto (26.11.1910 - 14.4.1996, Schreiner in Heumaden, später Schreinerei in Kemnat)

Sohn Eugen (10.7.1904, am 21.4.1945 erschossen)

Vater Friedrich (5.12.1870, am 21.4.1945 erschossen)

Sohn Emil (11.2.1907 – 16.9.1989)

Familie Eugen Blessing um 1941/42, v.l.n.r.:

Maria, geb. Drexler, 19.7.1906 - 21.10.1981

davor Gertrud, 2.11.1938 - 17.9.2020

Fritz, 19.12.1935 - 23.4.2007

Eugen, (10.7.1904, am 21.4.1945 erschossen, Elektromeister)

Schild der Elektrohandlung Eugen Blessing

Karl Wais als junger Mann (23.9.1887 - am 21.4.1945 erschossen)

Karl Wais as young man (born Sept 23, 1887 - shot on April 21, 1945)

Karl Wais - diese "Bescheinigung zur Erlangung der Fahrpreisermäßigung für Kleingärtner" für das Kalenderjahr 1943 führte er mit sich, als er am 21.4.1945, dem Tag der Befreiung von Ruit, standrechtlich erschossen wurde.

 

Karl Wais - he carried this "certificate for obtaining the fare reduction for allotment gardeners" for the calendar year 1943 with him when he was shot on April 21, 1945, the day of the liberation of Ruit.

Die Familie des Erschossenen Karl Wais

Maria (1899 – 1955)

Tochter Doris, geb. Dez 1944

Sohn Kurt, geb. 1943 

Am 12.11.1933 setzten die Nationalsozialisten eine erneute Reichtagswahl an, die mit dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund verbunden war. Nach der Wahlschlappe vom März, als die Nationalsozialisten die absolute Mehrheit verfehlt hatten, war es nun deren erklärtes Ziel, eine hundertprozentige Zustimmung zu bekommen. „Ein Volk, ein Führer, ein ‚Ja‘ ‘‘ wurde der Bevölkerung eingetrichtert. Aus dem 100%en Ergebnis wurde nichts, siehe Stimmzettel. Die Ruiter Nationalsozialisten schäumten und rächten sich an den vermuteten „Neinsagern“ - diese wurden mitten in der Nacht auf das Rathaus gebracht, dort zurechtgewiesen und von jungen SA-Männern verprügelt, darunter auch Karl Wais. Er konnte deshalb das Ende des Regimes kaum erwarten und erlebte es tragischerweise nicht mehr.

 

Foto und Textausschnitte aus „Ortschronik Ruit 1924-1934“ (Bd. 11 der Schriftenreihe des Stadtarchivs), S. 197 ff.

Hier ist an einem Fußgängerdurchgang in Ruit eine immer wieder erweiterte "Infotafel" mit Text zum Projekt, Postkarten zum mitnehmen, einem Pressebeitrag zu den letzten Opfern in Ruit sowie einer weißen Fahne entstanden.

21.4.2020

75 Jahre nach dem Tag der Befreiung - Frau Gertrud Illi, geb. Blessing, besucht das Grab Ihres Vaters und Großvaters.

Hier wird die Kehrseite der Medaille anschaulich, die das Kriegsende mit sich brachte - den Tod der letzten Opfer in Ruit und die Trauer der Angehörigen um sie.