Die Ausstellung "Zivilisation" fand in zwei Instituitionen in Freiburg 1997 gleichzeitig statt, dem E-Werk / Hallen für Kunst und dem Adelhauser Museum für Natur- und Völkerkunde.


The exhibition "Zivilisation" (Civilization) took place at two instituitions in Freiburg 1997 simultaneously - the E-Werk / Hallen für Kunst and the Adelhauser Museum für Natur- und Völkerkunde.


Siehe Text unten auf dieser Seite.

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Siehe Video "Zivilisation" auf Youtube

See video "Civilization" on Youtube.

 

Installation im/at the E-Werk / Hallen für Kunst, Freiburg

"Zivilisation", 1997, E-Werk / Hallen für Kunst, Freiburg

Die Ausstellung im Freiburger Völkerkundemuseum fand ihre Entsprechung in der zeitgleichen Installation im dortigen E-Werk / Hallen für Kunst, das Gebäude ist ein umgewidmetes Relikt aus der Industriealisierung Freiburgs (Elektrifizierung Anfang des 20. Jhs).

Beim Betreten des dunklen Eingangsraumes erhellte sich dieser sofort mit einer doppelten Projektion über Kreuz. Der eintretende Besucher wurde bei Blick auf die gegenüberliegenden permanent fokussierenden Portraits der beiden letzten Tasmanier gleichzeitig geblendet, siehe Projektor oben. Links im Glas die Spiegelung des Portraits Trugannini, deren eigentliche Projektion sich im Rücken des Betrachters befand.


"Cvilization", 1997, E-Werk / Hallen für Kunst, Freiburg 

Upon entering the basement of the former power station, a dark space suddenly gets illuminated by two projectors. While projecting on two opposite walls, the beholder gets into the crossing light beams, into the projected image; also, by looking at one image, the projector for the opposite image may blind the eyes. 

The projectors are showing two frontal portraits of the two last Tasmanians, permanently focusing on (Truganini alias Lalah Rogh, died 1876, William Lanney alias King Billy, died 1869, photographs by Charles A. Woolley, 1866). Moving through the focal point, the sharp image can be seen for a moment, but instantly disappears again. 

After a while, the room falls dark (upon movement in space, the projectors turn on again)


Beim Nähertreten oder Passieren geriet der Betrachter unweigerlich selbst ins Bild.

Mit dem Eintritt in die Säulenhalle begannen alle schwarzen Objekte (je ø 26cm), simultan und sehr langsam zu atmen.

Der Atemrhythmus beschleunigte sich anfangs unmerklich, irgendwann entsprach er dem des Besuchers, spätestens hier wurde man auf die Intensivierung des Atmens aufmerksam.

Zuletzt überstürzten sich Ein- und Ausatmen. Es entstand ein regelrechtes, sich immer mehr steigerndes Atem-Stakkato.


Entering the vast second space, a 4000 square feet hall furnished by columns (originally carrying the electric turbines/generators), 22 black 'breath' objects of the same size (Ø 11"), mounted on every column at about belly height, start to breath simultaneously and extremely slowly. 

After a time, an acceleration of the breathing rhythm is noticeable. The process getting faster and faster, reaching it´s peak after about 6 minutes at a sort of machine sound (1/100 sec inspiration, 2/100 sec expiration) and then falls silent.

"Archiv" in der Ausstellung "Zivilisation", E-Werk / Hallen für Kunst

Im letzten Raum im E-Werk stieß der Besucher auf fotografierte Steinzeichnungen und - beschreibungen von tasmanischen Steinwerkzeugen aus der Westlake Collection des Pitt Rivers Museums, Oxford.


"Archive" in the installation "Civilization", E-Werk / Hallen für Kunst

Finally the visitor entered a kind of "archive" in the third and last space of the E-Werk: photographs of drawings of stone implements from Tasmania from the Westlake Collection des Pitt Rivers Museums, Oxford.

Fotopapiere in Transparenthüllen, je 24 x 15cm

Photos in transparent envelopes, each 24 x 15cm

 

Zwei von etwa 650 Barytpapieren mit Zeichnungen und Beschreibungen Tasmanischer Steinwerkzeuge, 20,2x12,7cm.


Two of approx. 650 photo papers with scientific drawings including descriptions of Tasmanian stone implements (filing or record cards from the largest collection of it´s kind, the Westlake Collection at the Pitt Rivers Museum in Oxford, England).

Each 20,2x12,7cm


 

Installation im/in the Adelhauser Museum für Natur- und Völkerkunde, Freiburg

"Zivilisation" im Adelhauser Museum für Natur- und Völkerkunde, 1997, Freiburg

Rechts: "Südaustralier" aus dem Archiv des Museum. Er ist die Figur aus dem Diorama des frühen 20.Jhs, das im damaligen Museum zu sehen war.

Links: zwei "Atemtrommeln" (je ø 90cm). Im Moment des tiefsten Einatmens (das die Membran konkav nach innen saugte), waren die beiden Profile von Truganini und King Billy alias Wiliam Lanné klar erkennbar. Beide Fotos entstammen dem Archiv des Museums.


"Civilization" at the Adelhauser Museum für Natur- und Völkerkunde, 1997, Freiburg 

Right a "South Australian" from the Archive of the Museum. He is the figure from the Diorama from early 20th cent., which was to be seen at the museum.

Left are two "breathing drums" (diameter 90cm each). In the moment of deepest intake (bringing the membrans into a concave shape), the two profiles of Truganini and King Billy alias William Lanné could be perceived clearly. Both photos from the archive of the museum. 

"Südaustralier" aus dem Archiv des Museums. Er ist die Figur aus dem Diorama des frühen 20 Jhs, das damals im Museum zu sehen war (siehe Foto weiter unten). Ganz offensichtlich hat er aber über das letzte Jahrhundert erheblich gelitten, er verlor nicht nur seinen rechten Unterarm, sondern auch einen erheblichen Teil seiner Haar- und Barttracht sowie seinen Lendenschurz. Figuren wie er stellten die unterschiedlichen Rassen dar und waren weit verbreitet in deutschen Völkerkundemuseen des frühen 20. Jhs. Mehr zur Geschichte der Gipsfigur siehe ganz unten auf dieser Seite.

 

"South Australian" from the Archive of the Museum. He is the figure from the Diorama from early 20th cent., which was to be seen at the museum (see photo further below). He obviously suffert over the last century, losing his right arm, hair and his loincloth. Figures like him representing different races of the world were widespread in early 20iest cent. ethnological museums. 

Der Blick des "Südaustraliers" auf die beiden Atemtrommeln.

The view of the "South Australian" on the breathing drums.

Nur im Moment der tiefsten Einatmung erschienen beide Portraits scharf und klar.

Only in the moment of deepest inhalation, both photos appeared sharp and clear

Während der Ausatmung verschwammen und verschwanden die Fotos durch die Membranen zunehmend.

During exhalation, the photos got blurred by the membranes, the motives vanished increasingly.

Im Völkerkundemuseum wurde zwei Fotografien aus dem Archiv in "nackten" Leuchtkästen gegenübergestellt, auf eine ausgleichende, weiche Mattglashinterleuchtung wurde verzichtet, die Technik vollständig exponiert.

Links eine Gruppe der letzten Tasmanier in ihrem Internierungslager in erbärmlichen Zustand um 1850. Rechts sitzend Trugannini, die als letzte Tasmanierin gilt und 1876 verstarb, siehe Detailfoto unten. 

Rechts ein Foto aus dem Archiv des Adelhausermuseum, Foto des Diorama "Faunengruppe Australien", Anfang 20. Jh.

In dem Diorama, damaliger Ausstellungsgestaltung entsprechend, wurde die obige Gipsfigur eines Aborigines inmitten dortiger Flora und Fauna gezeigt.

In der Gegenüberstellung kontrastiert die Vorstellung vom "edlen Wilden" mit der erbarmungslosen Realität des Kolonialismus und stellt unsere museale Sammlungskultur in Frage.  

 

In the Ethnological Museum two photographs from the archive were juxtaposed in pure lightboxed, renouncing a balancing frosted glass (exposing fully the technical elements).

Left a group of the last Tasmanians in wretched condition in their detention camp around 1850. Sitting at right is Trugannini, who died 1876 supposedly as the last Tasmainan, see photo below.

Right a photo from the archive of the museum, the photo from the diorama "Fauna Group Australia", early 20est cent.

In the diorama, according to the exhibition design of the time, the plaster figure of the aborigine was shown in the middle of the Australian fauna and flora.

In the juxtaposition, the notion of the "noble savage" is confronted with the brutal mercilessness of colonialism, questioning our culture of museum´s collecting and understanding.

Foto aus dem Museumsarchiv von den letzten überlebenden Tasmaniern europäisch gekleidet im Internierungslager, um 1850. Rechts sitzend Trugannini.

Photo from the museum's archive of the last remaining Tasmanians in european clothing in their detention camp, around 1850. Sitting at right Trugannini (inscription at bottom "The Last Tasmanians").

Dieses Diorama wurde Anfang des 20. Jh. im Adelhauser Museum gezeigt. Vorhanden ist außer diesem Foto noch die Gipsfigur eines Aborigines, allerdings in ziemlich ramponiertem Zustand (siehe Fotos weiter oben)


This diorama was shown in early 20est cent. at the Adelhauser Museum. Besides this photo the plaster figure depicting an aborigine is remaining, although in rather bad condition (see photo further above).

Die Luftversorgung und Steuerung der beiden Atemtrommeln erfolgte von dieser befremdlichen Vitrine aus in der Afrikaabteilung.

Air supply and contol of the breathing drums drived from this strange glass cabinet in the African Collection of the museum.

 

Die Ausstellung fand gleichzeitig an zwei Orten in Freiburg statt: eine zusammenhängende kinetisch-akustische Installation mit pneumatischen Objekten, Projektionen, Foto- und Textdokumenten verband das E-Werk, Hallen für Kunst mit der Australiensammlung des Adelhausermuseums für Natur- und Völkerkunde.


Grundlegende physische und kognitive Prozesse verknüpften die zunächst disparat erscheinenden Elemente der Ausstellung: Sehen, Atmen / Fühlen, Wissen / Erinnern. Die Person des Betrachters wird dabei ebenso thematisiert wie die Ausstellungsräume selbst und die Ambiguität unseres gesellschaftlichen, „zivilisatorischen" Kontextes zwischen ursprünglicher Erfahrung und völliger Entfremdung.

Bildet aufgrund des Ortsbezuges die Ambivalenz zivilisatorischer Fortschrittsideen im E-Werk einen Schwerpunkt in der Geschichte von Technik und Arbeit, so steht in der völkerkundlichen Sammlung die menschliche Seite der Kolonisierten als Opfer ethnozentrischer Zivilisationshysterie sowie die Befragung unserer Museumskultur und deren Sammlungsideologie im Vordergrund. Während im E-Werk offene enigmatische Arbeiten gezeigt wurden, in denen sich fremde Bildwelten und deren befremdende museale Dokumentationsformen mit den technischen Elementen der Installation verbanden, so wurde im Völkerkundemuseum vorhandener Sammlungs- und Depotbestand in die künstlerische Arbeit integriert und diese subversiv in die Australiensammlung eingebettet. Der offensichtliche Kontrast dieser so unterschiedlichen Kunstobjekte erfuhr durch die ausstellungstechnische Gleichbehandlung, die Einordnung in ethnographische Archivierungskategorien ungeachtet ihres Entstehungszusammenhangs eine gegenseitige Annäherung. Sowohl der historische Sammlungsbestand als auch die Objekte zeitgenössischer Kunst transformierten in eine neue modellhafte Wirklichkeit.


Installation at two locations in Freiburg, Germany

E-Werk / Hallen für Kunst + Adelhauser Museum für Natur- und Völkerkunde

 

This installation took place at two locations simultaneously, at a former electrical power station (build around 1900 for street illumination and tramway), now „Halls for Art", and also in the Australian collection at the local Museum of Ethnology and Natural History in Freiburg in 1997.

Upon entering the basement of the former power station, a dark space suddenly gets illuminated by two projectors. While projecting on two opposite walls, the beholder gets into the crossing light beams, into the projected image; also, by looking at one image, the projector for the opposite image may blind the eyes. 

The projectors are showing two frontal portraits of the two last Tasmanians, permanently focusing on (Truganini alias Lalah Rogh, died 1876, William Lanney alias King Billy, died 1869, photographs by Charles A. Woolley, 1866). Moving through the focal point, the sharp image can be seen for a moment, but instantly disappears again. 

After a while, the room falls dark (upon movement in space, the projectors turn on again). Entering the vast second space, a 4000 square feet hall furnished by columns (originally carrying the electric turbines/generators), 22 black 'breath' objects of the same size (Ø 11"), mounted on every column at about belly height, start to breath simultaneously and extremely slowly. 

After a time, an acceleration of the breathing rhythm is noticeable. The process getting faster and faster, reaching it´s peak after about 6 minutes at a sort of machine sound (1/100 sec inspiration, 2/100 sec expiration) and then falls silent. In the third space a kind of 'archive' was installed: about 650 photos of scientific drawings including description of Tasmanian stone implements were shown (filing or record cards from the largest collection of it´s kind, the Westlake Collection at the Pitt Rivers Museum in Oxford, England).

In the Ethnological Museum in Freiburg the stairway to the small Australian collection hosts modern aboriginal paintings. In the middle of these two light-boxes were placed, without the diffuser Perspex the exposed the interior lighting unit. Between the two bright neon bulbs each one showed a historical photography from the archive of the museum. On the one side a group of the last female Tasmanians at their exile around 1860, with European clothes but without future, on the other side a picture of a diorama of the local museum around 1920, showing a „Southern Australian" in the middle of nature (the juxtaposition of the real native confronted with white civilization versus the idealized native - questioning our culture of museum´s collecting and understanding).

Entering the Australian collection, the sound of two big wall-drums can be heard, sucking the semi transparent membranes inward. Slowly, while the membrane removes deeper into the drum, a dark spot in the center appears, which gets clearer according to the increase of inhalation. Finally, the membrane touches the inside photograph, and while getting flat on the whole image, giving a clear glance at two portraits (also in the archive of the museum), already known from the projection at the former power station. In the instance when the whole round image is revealed completely, the valves switch and let the air into the drums, causing a very intense flowing noise. The images disappear again until they are no more. This connection of breathing- and seeing-process continues for a certain while until it grows silent. 

Turning around, one notices that the process has been watched, by a figure: a black and naked plaster native in life size with lost loin-cloth, falling out hair and disheveled beard, lost arm and broken legs - the figure has survived more than 70 years in the museum´s depot.

This weird statue documents and questions the history of our relationships with alien and native cultures.

Following the air-hoses through the Australian collection, an alien vitrine can be found in the middle of the neighbouring African collection: full with strange artifacts of our civilization.


Infotext des Museums zur Gipsfigur "Südaustralier" während der Ausstellung.


Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Gründerzeit vieler deutscher Völkerkundemuseen, waren Gipsfiguren beliebt und verbreitet. Sie wurden von den Museen in Auftrag gegeben oder von Händlern, Bildhauern und Gipsgießereien angeboten und sollten der Veranschaulichung der verschiedenen Menschentypen und -rassen dienen, denen bisher nur Entdecker, Missionare und Händler begegnet waren. Jetzt, nach Abschluß der kolonialen Eroberungen, gerieten sie auch ins Blickfeld der europäischen Bevölkerung, - nicht zuletzt über die Unterdrückungskriege, die gegen sie geführt werden mußten - .

Die hier zu sehende Figur ist im alten Inventarbuch des Städtischen Museums für Natur- und Völkerkunde unter der Bestandsnummer 3601 als Figur eines Südaustraliers verzeichnet, die am 8.4.1904 bei der Königlichen Gipsmanufaktur Berlin um den Preis von 100 Mark gekauft wurde. Nach 1905, als sich das Museum in der Turnseeschule befand, war sie, zusammen mit einigen Objekte der Australiensammlung, in die "Faunengruppe Australien" der Naturkundeabteilung integriert.

Nach annähernd 40-jähriger Magazinierung wurde um 1960 das Freiburger Museum für Völkerkunde im Adelhauserkloster, unter der Leitung der Kunsthistorikerin und wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Augustinermuseums Prof. Dr. Ingeborg Krummer-Schroth wieder eingerichtet. Bereits damals wurde auch die kleine Australiensammlung wieder ausgestellt, die aber Ende der 1980er Jahre neu gestaltet, um moderne Acrylbilder erweitert und wissenschaftlich bearbeitet und publiziert wurde.

Die Figur des Südaustraliers war indessen noch weitere 30 Jahre auf dem Dachspeicher verblieben und hatte sich dort in Gesellschaft der Figuren asiatischer Kulis, eines Maori-Paares, eines Bantu, einer Familie von Andamanern und vieler anderer befunden, die der Zeitenwandel aus dem Blickfeld verbannt hatte. Dem Verfall anheimgegeben bildeten sie dort durch Zufall entstandene, ausgesprochen merkwürdige Szenerien, die vom spärlichen, durch Dachfenster und -ritzen einfallenden Sonnenlicht mitunter unheimlich beleuchtet wurden.

Erst zu Beginn der 90er Jahren wurde mit der mühsamen Rekonstruktion und Restaurierung der Figuren begonnen, so auch der Figur des Südaustraliers. Heute ist sie in diesem künstlerischen Kontext wieder zu sehen und dokumentiert mit ihrer eigenen Geschichte die Geschichte unseres Verhältnisses gegenüber den Angehörigen fremder Kulturen.