Einige Überlegungen zur "Poesie der Strafe" siehe ganz unten auf dieser Seite.

Some reflections on the "poetry of punishment" can be found at the bottom of this page.

"Strafe muß sein", A5 Heft aufgeschlagen, 21 x 29cm

'Punishment must be', A5 booklet opened, 21 x 29cm

"Übung macht den Meister", A5 Heft aufgeschlagen, 21 x 29cm

'Practice makes perfect', A5 booklet opened, 21 x 29cm

"Ordnung ist das halbe Leben", A5 Heft aufgeschlagen, 21 x 29cm

'Order is half the life', A5 booklet opened, 21 x 29cm

"Wenn du nur wärst wie dein Bruder", A4 Heft aufgeschlagen, 29 x 21cm

'If you only were like your brother', A4 booklet opened, 29 x 21cm

"Strafarbeit", 2013, zweifarbiger Siebdruck von HPH, 60 x 42cm, Auflage 50

'Extra Work' (I am not allowed to talk Swabian), 2013, two colored silk screen by printer HPH, 23 ⅔ x 16½”, Edition of 50

Das Verbot der eigenen "Muttersprache" ist ein schwerwiegenderer Eingriff in die eigene Identität, als man zunächst annimmt.

Dieses Sprachverbot, ausgesprochen von einem selbst schwäbisch sprechenden Lehrer, war Anfang der 1960er Jahre offensichtlich gut gemeint und lässt sich als Aufforderung, (ansatzweise) Hochdeutsch sprechen zu lernen, verstehen. Dies ist ja tatsächlich eine sinnvolle, ja notwendige Forderung eines Lehrers, nur eben völlig falsch und ohne Begründung vorgebracht. Konnotiert wurde der Dialektsprecher damals als bäuerlich, ländlich, derb und dümmlich.

Gegenwärtig hat sich diese Beurteilung diametral ins Gegenteil gewendet: Dialekt wird heute als Bereicherung und Erweiterung des Wortschatzes verstanden. Mithin lässt sich vieles nur mit der Spezialbegrifflichkeit des Dialekts ausdrücken.

 

The prohibition of one's own 'mother tongue' is a more serious encroachment on one's own identity than is initially assumed.

This language ban, pronounced by a teacher who speaks Swabian himself, was obviously well-intentioned in the early 1960s and can be understood as an invitation to learn to speak 'High German'. This is indeed a meaningful, even a necessary demand of a teacher, just articulated completely wrong and without justification. The dialect speaker was then connoted as peasant and rural, coarse and stupid.

At present, this assessment has turned diametrically into the opposite: Today, dialect is understood as enrichment and extension of the vocabulary. Therefore, much can only be expressed with the special terminology of the dialect.

"Ich darf nicht Schwäbisch reden", 2019, Linoldruck auf Japanpapier, H x B 65 x 50 cm, Auflage 12

'I must not speak Swabian', 2019, linocut on Japanese paper, H x W 65 x 50 cm, edition 12

Schulheft, um 1961

 

Ich kenne niemanden, der eine ähnliche Strafarbeit hätte schreiben müssen. Bekannt sind mir nur Verbote von schwäbischen Wortfragmenten geworden, etwa "Ich darf nicht 'ha' sagen" (ein schwäbisches, kaum verschriftlichbares "ha", das ein förmliches "wie bitte" verkürzt), oder "Ich soll nicht fufzig sagen" (statt "fünfzig").

Im Frühjahr 2018 ist mir eine Frau begegnet, die über ihr Verstummen als Schülerin als Folge einer verbalen, ähnlich gearteten Ermahnung ihrer neuen Lehrerin berichtete. Sie schrieb mir ihre Geschichte auf:

 

"Als ich 1975 in die 5. Klasse des Albert-Schweizer-Gymnasiums einer Kleinstadt bei Stuttgart kam, war unser Deutschunterricht bei Frau W. Sie war schlank, groß und irgendwie “mächtig”: sie hatte einen Blick, der mich zu durchdringen schien.
In der zweiten Deutschstunde – oder vielleicht war es schon die erste – wurde ich aufgerufen. Es war eine relativ einfach zu beantwortende Frage gewesen, aber die Reaktion ihrerseits ließ mich für immer in ihren Unterrichtsstunden verstummen. Die wenigen Sätze, die ich gesagt hatte, wurden mit einer sehr vehementen, uns allen deutlich machenden Wichtigkeit dieser Aussage, kommentiert: ab jetzt, also im Unterricht bei ihr, dürfe keiner mehr Schwäbisch sprechen.
Als eher schüchternes Mädchen, immer bemüht, wirklich das Beste zu geben und durch nichts aufzufallen, habe ich diesen Satz nur dadurch umzusetzen vermocht, dass ich ab diesem Moment nichts mehr in ihren Stunden sagte. In der Tat habe ich angefangen unter der Schulbank heimlich zu zeichnen und das Sütterlin, das mir mein Opa gezeigt hatte, zu üben, was mir bis heute erhalten bleibt." 

Exercise book, around 1961

I don't know anyone who would have had to write a similar punishment paper. I only know of prohibitions of Swabian word fragments, such as "I am not allowed to say 'ha'" (a Swabian 'ha' that can hardly be written, which shortens a formal 'I beg your pardon'), or "I am not supposed to say fufzig" (a lazy simplification instead of the correct "fünfzig" = fifty).

 

 

In the spring of 2018, I met a woman who reported on her silencing as a pupil as a result of a verbal, similar warning from her new teacher. She wrote me her story:

"When I entered the 5th grade of the Albert-Schweizer-Gymnasium of a small town near Stuttgart in 1975, our German lessons were with Mrs. W. She was slim, tall and somehow "powerful": she had a gaze that seemed to penetrate me.

In the second German lesson - or perhaps it was already the first - I was called. It had been a relatively easy question to answer, but the reaction on her part had silenced me forever in her lessons. The few sentences that I had said were commented on with a very vehement importance of this statement that made it clear to all of us: from now on, in her class, nobody was allowed to speak Swabian any more.

As a rather shy girl, always trying to really give her best and not to be noticed by anything, I was only able to put this sentence into practice by not saying anything in her lessons from that moment on. In fact, I started drawing secretly under the school desk and practicing the Sütterlin that my grandfather had shown me, which remains with me to this day". 

"Ich darf nicht schwäbisch sprechen", Linoldruck auf schwarzes Papier, 50 x 70 cm, 2018

'Ich darf nicht schwäbisch sprechen' (I can't speak Swabian) Linocut on black paper, 50 x 70 cm, 2018

"Sargnagel", Anfang der 1960iger Jahre, Schulheft (Doppelseite A5), 21 x 30cm

'Coffin Nail' (I'm my father's coffin nail.), early 1960s, exercise book, 21 x 30cm

"Mutter", Anfang der 1960er Jahre, Schulheft, links Innenseite Heftumschlag, 21 x 30cm

'Mother' (I'll bring my mother under the ground), beginning of the 1960s, exercise book, left: inside of cover, 21 x 30cm

"Schandfleck", A5-Seite mit Innenseite Heftumschlag links, 21 x 30cm

'Shame Blur' (I'm the shame spot of my family.), A5-page with inside cover left, 21 x 30cm

"C-a-f-f-e-e", etwa 1963, Notenheft, 15 x 21cm

'C-a-f-f-e-e',  approx. 1963, music notebook,15 x 21cm

"Ich soll keine Negermusik hören.", A4 (29 x 21cm)

'I'm not supposed to listen to Negro music.', A4 (29 x 21cm) 

"Strafarbeit für einen Blinden",1986, 30 x 21 cm

'Punishment for a blind man' (You can't demand feelings.), 1986, 30 x 21 cm

 

Könnte es sich bei Strafarbeiten im schulischen Rahmen um eine Art von Poesie des Schmerzes, der Qual, des Leidens handeln?

Der repetitive und minimalistische Charakter erinnert jedenfalls an eine verquere Form von Dichtkunst. Der Zwang zum Schreiben und der von außen autoritär vorgeschriebene Wortlaut weicht natürlich erheblich von dem ab, was man landläufig unter inspirierten, freien Schreiben eines Dichters versteht. Aber Inspiration kommt auch von außen...

Repetition ist hier Bestrafung, Sisyphos lässt grüßen. Sie bringt im schulischen Kontext auch Bimsen und Pauken, also stupides, weitgehend gedankenloses Einprägen in Erinnerung. Im Arbeitskontext ist Monotonie immer negativ besetzt und soll möglichst durch Maschinen verrichtet werden. Stellt man sich im Alltag jemand vor, der immer denselben Satz vor sich hinmurmelt, so liegt der Gedanke an Einweisung in eine "Klapsmühle" nicht fern. Dabei könnten psychische Erkrankungen wie Besessenheit oder Traumatisierung, vielleicht auch Gedächtnisverlust und der krampfhafte Versuch einer Rückerinnerung, möglicherweise Hypermnäsie zu Grunde liegen.

 

Der Wiederholung, nicht der Strafe sind aber zweifellos auch positive Aspekte abzugewinnen. "Übung macht den Meister" - was wären Musiker ohne übendes Wiederholen und Einprägen? Auch die Musik selbst ist in ihrer Struktur ohne Wiederholung gar nicht denkbar. Apropos Übung: wer würde gern von einem Arzt operiert, der keine Erfahrung hat, der die Operation erstmals ausführt? Professionalität ist auf Routine und Erfahrung angewiesen, und dies beruht auf Lernen durch Wiederholung. Auch in der Erziehung ist geduldige Wiederholung unentbehrlich, bis sich Werte und Regeln verfestigt haben. Das wiederholte Vorlesen, oft von Kindern gewünscht, erlaubt vertieftes Verstehen und Selbstvergewisserung. Die Wiederholung gleicht zuweilen auch einem inneren, analysierenden Monolog, einem Kōan, das es zu lösen oder zu verstehen gilt.

Die Wiederholung von Schlüsselworten, oft verbunden mir bestimmten Atemtechniken oder Tanzritualen, können in einen trancehaften, erweiterten Bewußtseinszustand versetzen, etwa im Sufismus. Wiederholung prägt auch tibetanische Gebetsmühlen, die der Konzentration und Zentrierung dienen. Das Rezitieren eines Mantras im Hinduismus und Buddhismus (etwa der heiligsten Silbe Om) dient dem Freisetzen mentaler und spiritueller Energien. Das Beten des Rosenkranzes entspricht einem ähnlichen rituellen Sprechakt, in dem religiöse Grundsätze durch unendlich wiederholte Litanei verfestigt und herbeigewünscht werden. Es mag an archaisches, magisches Denken erinnern, an Beschwörungsformeln, Aberglaube und Zauber.

Vermutlich spiegeln sich in allen diesen rituellen Wiederholungen die grundlegenden Zyklen unseres Lebens: Tag und Nacht, Geburt und Tod, Werden und Vergehen, Tages- und Jahreszeiten. 

Redundanz in der Technik dient der Absicherung lebenswichtiger Systeme. Vielleicht hat die Wiederholung ja auch auf dem Feld der Sprache und Psyche eine heilende, bewußtmachende, ja gar aufklärerische und lebensnotwendige Funktion?

 

Illis Strafarbeiten sind besonders unter dem Aspekt von Prägung und Traumatisierungen zu betrachten, die Kindheit und Jugend begleitet haben. Die Autorität einer elterlichen Aussage über das Kind wiegt schwer, vor allem krass negative wie in einem anderen Fall: "Du bist ein Versager", was sich zu einer "self fulfilling prophecy" oder zu einer lebenslangen, immer wieder sich selbst prüfenden Rückfrage entwickeln kann. Es werden darin Aspekte einer "Gehirnwäsche" sichtbar; denn den Aussagen über sich glaubt man schließlich selbst, was man gemeinhin mit Internalisierung bzw. Verinnerlichung bezeichnet. Unbewußte Strukturen der Verinnerlichung spielen beispielsweise auch im Kolonialismus eine wichtige Rolle: die Unterdrückten glauben schließlich selbst, dass sie wegen Dummheit und Minderwertigkeit ihr Schicksal verdient haben. Das knechtisches Bewußtsein schleicht und schleift sich unbemerkt ein.

 

Es gibt Sätze, die tiefe innere Verletzungen verursachen und das ganze Leben präsent bleiben. Fraglich ist, ob diese Dämonen der Kindheit und Jugend jemals besiegt werden können. Selbstaufgabe oder Rebellion sind mögliche Reaktionen. Vielleicht können künstlerische Öffnung, Erinnerung und Bewußtmachung bei der Selbstbefreiung helfen?

Could punitive work in schools be a kind of poetry of pain, torment, suffering?

In any case, the repetitive and minimalist character is reminiscent of a weird form of poetry. The compulsion to write and the externally authoritarian wording naturally deviate considerably from what is commonly understood by inspired, free writing by a poet. But inspiration also comes from outside...

Repetition here is punishment, Sisyphus is greeting. In a school context it also brings back to mind pumice and timpani, i.e. stupid, largely thoughtless imprinting. In the context of work, monotony is always negatively occupied and should be carried out as far as possible by machines. If one imagines someone in everyday life who always mumbles the same sentence, the thought of being introduced to a "loony bin" is not far away. This could be based on mental illnesses such as obsession or traumatisation, perhaps also memory loss and the convulsive attempt to recall, possibly hypermnesia.   

 

The repetition is to be won however undoubtedly also positive aspects. "Practice makes perfect" - what would musicians be without practicing repetition and memorization? The structure of music itself is also unthinkable without repetition. Apropos practice: who would like to be operated on by a doctor who has no experience and who is performing the operation for the first time? Professionalism depends on routine and experience, and this is based on learning through repetition. In education, patient repetition is indispensable. In education, too, patient repetition is indispensable until values and rules have been established. Repeated reading, often desired by children, allows for deeper understanding and self-assurance. The repetition sometimes resembles an inner, analytical monologue, a Kōan that needs to be solved or understood. repetition of terms, often associated with certain breathing techniques or dance rituals, can bring you into a trance-like state of enhanced consciousness, such as in Sufism. Repetition also characterizes Tibetan prayer wheels, which serve for concentration and centering. The recitation of a mantra in Hinduism and Buddhism (e.g. the sacred syllable Om) is intended to release mental and spiritual energies. The prayer of the rosary corresponds to a similar ritual act of speech in which religious principles are consolidated and desired by infinitely repeated litany. It may be reminiscent of archaic, magical thinking, of incantations, superstition and spell. Presumably all these ritual repetitions reflect the basic cycles of life, day and night, birth and death, becoming and passing, the times of day and seasons. 

Redundancy in technology serves to secure vital systems. Perhaps repetition has a healing, conscious, even enlightening and vital function in the field of the psyche?

 

Illis's punitive works have to be considered especially under the aspect of coinage and traumatizations that accompanied childhood and youth. The authority of a parental statement about the child weighs heavily, especially blatant negative ones as in another case: "You are a failure", which can develop into a "self-fulfilling prophecy" or a lifelong, constantly self-checking inquiry.  Aspects of "brainwashing" become visible; for the statements about oneself are ultimately believed by oneself, which is commonly referred to as internalization. Unconscious structures of internalization also play an important role in colonialism, for example: after all, the oppressed themselves believe that they deserve their fate because of stupidity and inferiority. The servant-like consciousness creeps and grinds in unconsciously.

There are sentences which cause deep inner injuries and which remain present throughout life. It is questionable whether these demons of childhood and youth can ever be defeated. Self-abandonment or rebellion are possible reactions.

Perhaps artistic opening, remembrance and awareness can help in self-liberation?