"zoon politicon" – das politische Tier.

 

5.2. - 17.3.2017

Galerie Kunstbezirk im Gustav-Siegle-Haus, Stuttgart

 

Dabei soll es ganz wörtlich um das Tier in der Kunst gehen. Die Lebenswelten von Mensch und Tier entfernen sich scheinbar immer mehr. Trotzdem oder gerade deswegen spielt das Tier in der Kunst und in der politischen Kommunikation eine wichtige Rolle. Die Ausstellung spürt dem politischen Tier in der Bildenden Kunst nach. Sie untersucht das Sujet des „politischen Tieres“ im Oeuvre ausgewählter zeitgenössischer Künstler. Dabei geht es um metaphorische Zuschreibungen wie auch reale Erscheinungen. Archaische Momente und moderne Perspektiven auf das Animalische kennzeichnen das aufgespannte Feld.

 

Beispielsweise haben im Stuttgarter Talkessel Juchtenkäfer, Zauneidechsen, Maulwürfe etc. eine Bedeutung erlangt, die weit über die zoologische Bedeutung hinaus ins politische Feld ragt. Oder die Frage, ob man Tiere essen soll, ist ja nicht nur eine persönliche Gewissensentscheidung, sondern wahrscheinlich eine gesellschaftliche.

Kuckuck

 

Es gibt im Wald „Vogelwarner“, wie z.B. der Kuckuck oder der Eichelhäher.

Der Kuckuck ist durch sein Schmarotzerverhalten als Brutparasit ein äußerst ambivalentes Tier, hierzulande auch bekannt durch die Schwarzwälder Kuckucksuhren und diverse Volkslieder, er ist auch vielzitiert beim Fluchen. Selbst sein Aussehen offenbart den Täuscher: es ähnelt dem des Sperbers oder des Turmfalken und ist eine Form von Mimikry, um den Wirtsvögeln die Anwesenheit eines Greifvogels vorzutäuschen und diese so von ihrem Nest zu vertreiben.

v.l.: "Kuckuck" (klein), 2002/2017, 26x26x18cm, "Kuckuck" (groß), 2002/2017, 32x32x19cm

 

v.l.: "Kuckuck" (klein), 2002/2017, 26x26x18cm, "Kuckuck" (groß), 2002/2017, 32x32x19cm

 

Siehe Kurzvideo zu den Kuckucksrufen

 

 

 

"Albtraum", 2011, Biosphärenreservat Schopfloch, Schwäbische Alb

 

Verschiedene Nistkästen mit einem rot-weißen Warnanstrich gesellen sich auf der Muster- Hüttenwand am Naturschutzzentrum Schopflocher Alb zwischen die bereits existierenden Nist-und Brutkästen. Auch an einem Baum des Areals hängt ein Nistkasten mit rot-weißer Schachbrettmusterbemalung.

Warnanstriche werden in Einflugschneisen bzw. im Flugumfeld für „Luftfahrthindernisse“ verwendet, weil sie ein Gefahrenpotential für den Luftverkehr darstellen.

"Albtraum", 2011, Biosphärenreservat Schopfloch

 

Was zur Warnung für Flugzeuge gedacht ist, wird hier zu einer Warnung vor Flugzeugen ironisch umgedeutet. Der Fortschritt der Technik, der uns Menschen den Traum vom Fliegen erfüllt, wird zur Bedrohung des Vogels selbst. Die Nistkästen mit Schutzanstrich stehen symbolisch für die Gefahren der „zivilisatorischen Entwicklung“, die nicht nur die Natur, sondern letztlich den Menschen in seiner Existenz selbst bedrohen.

Das ironische Moment liegt in der Stigmatisierung dieses kleinsten Objekts als Hindernis für den Flugverkehr – der Biosphären-Nistkasten soll den Menschen letztendlich vor sich selbst warnen.

 

Gleichzeitig verliert das Vogelhaus durch den Warnanstrich nichts von seiner realen Funktionalität.

"Albtraum", 2011, Biosphärenreservat Schopfloch

v.l.n.r.: Multiplex lackiert, 23,5 x 23,5 x 23,5cm, 17 x 24 x 34cm, Spatzenhotel 28 x 53 x 23cm, 32 x 20 x 21cm

"Albtraum", 2011, Biosphärenreservat Schopfloch, Multiplex lackiert, 17 x 24 x 34cm

"Albtraum", 2011, Biosphärenreservat Schopfloch, Multiplex lackiert, 32 x 20 x 21cm

"My home is my castle", 2013

Fliegenklatsche / Fly Flap (Ausstellung „Ofi ziell“, Städtische Galerie Ostfildern, 2008)

Die Arbeiten standen unter dem Motto "Nur Fliegen sind schöner". Mehrere Fliegenklatschen verschiedener Bauart waren im Raum verteilt und ließen von Zeit zu Zeit eine "Fliegenklatschen-Partitur" erklingen.

Fliegenklatsche / Fly Flap (Ausstellung „Ofi ziell“, Städtische Galerie Ostfildern, 2008)

"Kommt der Jud' in' Himmel?" 1998 (Hospitalhof Stuttgart im Rahmen der Ausstellung "Aufstehen - Auferstehen")

98 x 72 x 72cm

 

Die Arbeit geht auf ein perfides Kinderspiel zurück, in dem der Erwachsene eine Katze auf dem Schoß hat, sie streichelt und der Katze bzw. dem dabeisitzenden Kind die Frage stellt, die den Titel der Arbeit ausmacht:

"Kommt der Jud' in' Himmel?"

Anschließend bläst der Fragesteller der Katze ins Ohr, was diese zu einem kräftigen Kopfschütteln veranlasst, weil sie das gar nicht mag. Eine klare Verneinung!

Auf dem Boden befindet sich ein Fußschalter, mit dem der Besucher die Aktion auslöst. Nach dem Einschalten beugt sich die Nimrodfigur zur Katze vor und bläst. Die Katze bzw. das Tier wird hier ein scheinbar neutraler, unvoreingenommener Zeuge für eine äußerst perfide Frage.

Dies war die erste künstlerische Zusammenarbeit von Uri und mir und wohl meine erste Arbeit, in der ein Tier (u.a.) zum Thema wird.

 

See also "Collaborations with Uri Sigal Galkin" on this website

Ecclesia und Synagoga

"Lebendes Kreuz" mit Esslesia (links) und Synagoga (rechts), Initiale "R" aus dem Graduale (= liturgischer Zwischengesang) des Münchner Klarissinenklosters Auf dem Anger, originale Initialgröße 14,3 x 14,3cm, 15.Jh., Original in Bayrischer Staatsbibiliothek München

 

Ecclesia and Synagoga

"Living cross" with Ecclesia (left) and Synagoga (right), initial "R" from the medieval liturgical song of the Franciscan Monestary "Auf dem Anger" in Munich, original size of the initial 5 ⅔“ x 5 ⅔“, 15th cent., Bayrischer Staatsbibiliothek Munich

 

See installation "Atem-Raum", 1995, on this website

"Ecclesia and Synagoga" (print of oil painting on wood, 2nd half of 16th century)

By coming close to the image the "synagoga" motive vanishes / beim Näherkommen verschwindet das Motivdetail "Synagoga"

„Punctum Caecum“, 2002, Artists’ Residency Herzliya, Israel (with I. Fonar Cocos)

By coming close to the image the "synagoga" detail vanishes / beim Näherkommen verschwindet das Motivdetail "Synagoga" 

Liquid cristal glass plate, offset print from 16th cent with the motive „Living Cross with Ecclesia and Synagoga“, oil on wood, 2. half 16thcentury, in private property

Flüssigkristallglasscheibe vor Offset-Druck, Original: Tafelmalerei, Öl auf Holz, 2.Hälfte 16.JH, ehemals Kaisersaal des Hohenzollernschlosses Liebig, Privatbesitz

 

This motive of the two women left and right of the cross symbolizing Christianity and Judaism is originating from the non-recognition of “the saviour”, the christian “redeemer” by the jewish community. This widespread topos of the rivalry of the two religions has several variations from mild to radical anti-judaism, from competition to fight.

Synagogue is wearing the veil besides several other properties explaining the loss of her kingdom to Ecclesia, the clear “winner”, and revealing her corruptness (depravity) in general - thus, judasism is depicted as being blind .

A liquid crystal glass plate is placed about 2'' (6 cm) in front of the wall, on top of Synagoga. From a distance the glass allows to see the image behind. When a viewer approaches and wants to get closer to the image, the glass will turn opaque and all details will disappear, thus rufusing a close, analyzing look when approached.

 

In der Mitte dieser symmetrisch und didaktisch gestalteten Weltgerichtsszene, die die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zur Vollendung umfasst, steht beherrschend das Kreuz, Himmel, Erde und Hölle berührend, das in vier Arme mündet (Motiv des „lebenden Kreuzes“). Der obere Arm öffnet den Himmel, in einer Wolke über dem himmlischen Jerusalem schwebend Gottvater. Der untere Arm schleudert Hölle, Tod und Teufel tödliche Pfeile entgegen. Der rechte Kreuzesarm krönt Ecclesia, die auf dem Tetramorph heranreitet, während der linke Arm des Kreuzes der blinden, den Bockskopf tragenden, ihre Weiblichkeit betonenden Synagoga mit dem Schwert die Krone vom Haupt schlägt. Auf dem Schriftband der Ecclesia steht geschrieben: ECCLESIA GLORIOSA PER SANGUINEM CHRISTI Die Kirche ruhmreich durch das Blut Christi. Auf dem Schriftband der Synagoga steht: SYNAGOGA REPUDIATA CUM SANGUINE TAURI ET HIRCI. Synagoga zurückgewiesen mit dem Blut des Stieres und des Bockes. Während "Ecclesia" die siegreiche Kirche und Christenheit darstellt, symbolisiert die geblendete "Synagoga" das Judentum, das "mit Blindheit geschlagen" ist.

Die "Sinnlichkeit" der Synagoga-Darstellung stand für Prostitution. Ihr Reittier, der Esel, ist am Zusammenbrachen, sein Hals bereits schwar verletzt. Ihre Fahnenstange ist zerbrochen, die Krone wird ihr vom Gekreuzigten selbst vom Kopf genommen. In Ihrer Linken hält sie einen abgeschnittenen, blutigen Bockskopf als Zeichen des alttestamentarischen Tieropfers.

Don't Look, 2003, Photo on alucubond with flap, 30x20x2,5cm („Blindreflex“, Museum Ein Harod, Israel, with I. Fonar Cocos)

A medieval doomsday image from the glass windows of the Besserer-chapel by Hans Acker, around 1430, Cathedral in Ulm, Germany.

The wide open mouth of the huge beast “Leviatan” symbolizes the gate of hell, which is going to swollow the condamned people. The mouth is filled with flames, and there is one face looking out of the flames, with wide open eyes and truly fearful - the pointed hat clearly stigmatizes the person as a medieval jew.

For me, the flames are a metaphor for the incinerators in the extermination camps. I coverd the shameful detail with a little hanging flap, which can be opened by hand (if wanted). After opening, if will fall back into place, covering the head.

 

see also "Collaborations with Inga Fonar Cocos" on this website

Obwohl es hier um die sogenannte "Judensau" geht, ist diese nicht sichtbar bzw. "ausgelöscht" vom gleisend hellen Laserpunkt.

"Scham (Judensau)" / Shame (Jewpig), Photography, red Laserdot, 30x40cm, 2003 („Blindreflex“, Museum Ein Harod, Israel, with I. Fonar Cocos)

Quite far up high, a black+white photography can be perceived (the center is 2.66m high up). Strangely, a red dot (may be 2cm in diameter) can be seen. The dot is “active”, if not aggressive, the light spot consits of small sparkling dots which seem to move – an uncomfortable spot. The red dot is caused by a laser beam.

This dot "eliminates" or points at a part of the photography which cannot be recognized. It is an image of a gothic church, the church where Marthin Luther was preaching in Wittenberg, Germany. The “invisible” detail is the socalled "Judensau" (jewpig), a medieval reliev on the church fassade from the 13thcentury. The "jewpig" on the fassade is approx 6-8m high up and corresponds with the highly mounted photo. There is an incription on top of it, which was added later and which goes back to Luther. The inscription "Shem HaMphorash – Sham HaPeresh" refers to Luthers sarcastic writings and a word game he played (it translates from Hebrew: “Unspeakable Name of God – There is dirt/excrements”). The dot “eliminates” this sore-spot, on the other hand it draws attention to it.

 

"Scham (Judensau)", Fotografie, roter Laserpunkt, 30x40cm, 2003

Recht hoch oben, deutlich über Kopfhöhe, entdeckt man eine schwarz-weiß-Fotografie (Bildmitte in 2,66 m Höhe) . Komischerweise sieht man einen aggressiv rot leuchtenden Punkt (Durchmesser etwa 2cm) – ein unangenehmer Fleck. Der rote Punkt auf dem Foto, der wie von hinten zu leuchten scheint, ist von einem gegenüberliegenden Laserstrahl hervorgerufen. Dieser rote Punkt eliminiert oder zeigt zugleich auf ein Detail des Fotos, das nicht erkannt werden kann. 

Es handelt sich um ein Foto der Stadtkirche in Wittenberg, Martin Luthers Prediktkirche. Das „beleuchtete“ bzw. „unsichtbare“ Detail im Bildmotiv ist eine sogenannte „Judensau“, ein mittelalterliches Relief an der Choraußenfassade der Kirche aus dem 13. Jhd. Es ist dort hoch oben angebracht (6-8m über Boden), die Anbringungshöhe der Fotos korrespondiert damit.
Über dem Relief ist eine Inschrift eingemeißelt, die später angebracht wurde und auf Luthers zurückgeht. Die Inschrift -
Shem HaMphorash – Sham HaPeresh – bezieht sich auf Luthers sarkastische Schrift und sein bitterböses Wortspiel, das er mit dem für Juden unaussprechlichen Gottesnamen treibt. Die Übersetzung aus dem Hebräischen, im dem die Begriffspaare ähnlich klingen, lautet “Unaussprechlicher Gottesname – dort ist Schmutz/Exkremente”.

Es handelt sich hier um einen wunden Punkt, der mit dem scharfen Laserstrahl „seziert“ und untersucht bzw. hier aus
Scham gleichzeitig ausgelöscht wird. Das Relief ist derart judenfeindlich, dass es nur in dieser paradoxen Weise „ansehnlich“ wird.

Dieses Diorama wurde Anfang des 20. Jh. im Adelhauser Museum gezeigt. Vorhanden ist außer diesem Foto noch die Gipsfigur eines Aborigines, allerdings in ziemlich ramponiertem Zustand (siehe Fotos weiter oben)

 

This diorama was shown in early 20est cent. at the Adelhauser Museum. Besides this photo the plaster figure depicting an aborigine is remaining, although in rather bad condition (see photo further above).

 

see also installation on this website "Zivilisation / Civilization", 1997

"Gefühlsecht", 2007, Edition mit Hundebeutel, Auflage 30

"Ausrüstung für einen Filderspaziergang", 2008, zweitelige Edition, Auflage 50 (Fliegenklatsche und Schwalbe aus Hundekotbeutel, Text)

 

Die Arbeit speist sich aus mehreren Quellen.

Meine Mutter erzählte mir, früher habe sich in Ruit ein Mann auch werktags erlaubt, spazieren zu gehen – vielleicht aus gesundheitlichen Gründen? Es war ebenfalls ein Illi, und da seine Nachfahren noch leben, ist dieser Bericht eigentlich problematisch. Der Vorname ist meiner Mutter aber nicht erinnerlich. Jedenfalls hat dieser Mann quasi zur Tarnung auf seinen werktäglichen Spaziergängen eine kleine Hacke (schwäbisch [Haile]) geschultert.

Da man auch heute allerlei Verrenkungen verrichten muss, wenn man in der Natur ist, beispielsweise im Sturmtruppenstechschritt mitten im Sommer Skistöcke herumwirbeln – vermutlich aus gesundheitlichen Gründen – habe ich überlegt, ob es nicht auch andere Accessoires und humanere Bewegungsformen geben könnte, die der Gesundheit dienlich oder wie auch immer nützlich sein könnten. Immerhin bin ich selbst bereits im Krampfadergeschwader-Alter und gerade die Skistöcke wären mir ärztlich angeraten.

Eine andere Geschichte, die mir nicht aus dem Kopf will, hat meinen Sinn für schwäbische Erotik maßgeblich geprägt: eine Bäuerin wurde gefragt, warum sie bei der Feldarbeit keine Unterhose trage. „Meinst Du, ich will die Fliegen im Gesicht haben?“ war ihre Antwort.

Ein Fliegenklatsche ist demzufolge in allen Lebenslagen angemessen.

Der Protest gegen die erneut drohende Erweiterung des Stuttgarter Flughafens hat mir beim Falten der sogenannten „Schwalben“ ein Stück Kindheit zurückgegeben.

Als Hundeliebhaber habe ich ein intensives, wenn nicht libidinöses Verhältnis zu Hundekotbeuteln, somit wäre die Schwalbe sogar schechtwettertauglich.

Meine Hoffnung ist, dass irgendwann beide Accessoires ärztlich als gesundheitsfördernd anerkannt und damit verschreibungsfähig werden.