Katarakt

Die Katarakt oder der graue Star bezeichnet eine Trübung der Augenlinse (siehe Definition ganz unten).

Die Arbeiten zum Thema "Katarakt" sind eng verwand mit den Agnosie-Arbeiten.

Natürlich mag bei den Gesichtsabdeckungen im Gerichtssaal der eigene Persönlichkeitsschutz im Vordergrund stehen. Wer möchte schon gern am Pranger stehen. Allerdings wäre der Vergleich mit anderen Justizsystemen interessant, wo solche Gesichtsverdeckungen nicht üblich, ja gar nicht erlaubt sind.

Bemerkenswert sind auch die Täter, die ihr Antlitz bewußt nicht verdecken, also zu ihren Taten stehen, gar stolz auf sie sind - dazu gehören ideologische Überzeugungstätet wie Islamisten und Rechtsradikale.

Die „Katarakt“, also die Trübung der Augenlinse, muss hier natürlich symbolisch verstanden werden. Die Trübung entspricht einem nebulösen, verschwommenen Blick auf eine bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Realität, einen Entschwinden der Erinnerung; sie verweist auf massive Verdrängung, im Extremfall auf Amnesie. Auf diesen "Grauen Star" bzw. blinden Fleck hin muss sich jeder selbst untersuchen und befragen. Aber es ist schwer, das eigene subjektive Narrativ, die eigene Blase, den biblischen Balken im eigenen Auge zu erkennen. Der Fall Trump zeigt das momentan während seiner Wahlniederlage, die er nicht anerkennen kann, beispielhaft (Nov. 2020). Wenn Fox-News seine Hauptinformationsquelle ist, verbleibt er im Teufelskreis der Desinformation, von Fiktion, Wunschdenken und Realitätsverweigerung.

Meine künstlerische Katarakt-These wäre, dass diese Gesichtsabdeckung nicht (nur) Selbstschutz ist, sondern auch ein Wegsehen, ein Verleugnen der eigenen Taten, eine Ausblendung von Realität, ein Ablehnen der eigenen Verantwortung - es handelt sich also um eine freiwillige, selbstgewählte  Blindheit. Zwar wird der "Delinquent" nicht erkannt und erspart sich evtl. die Schande des Prangers, sieht und erkennt aber auch selbst nichts mehr - der Zusammenhang von Gesichtsabdeckung und Scheuklappen ist offensichtlich. Dies verweist auf einen Grundzustand der Täterschaft - die Verblendung, das Nicht-Erkennen des Verbrechens, das begangen wird. Es verweist auf die für Täter typische Abwesenheit von Empathie. Nicht zuletzt kann man darin eine allgemein menschliche Dimension des Wegsehens, Ignorierens, Verdrängens sehen, eine Verweigerung von Empathie und eine Ablehnung von Verantwortung.

Handelt es sich bei den Gesichtsabdeckungen um ein Schuldeingeständnis, um ein Verhalten aus Scham heraus? Wohl kaum, denn Schämen würde ja Einsicht voraussetzen. Es könnte sich um unbewußte, quasi instinktive Scham handeln, die sich der Täter selbst nicht eingesteht. Für mich wäre allein "Buße", das verbale Bekennen der eigenen Schuld und Übernahme von Verantwortung akzeptabel.

Noch ein Bezugspunkt von wortwörtlicher "Abschirmung" sei genannt, ein Zitat aus Albert Camus „Der Mythos des Sisyphos“:

„In italienischen Museen kann man zuweilen kleine bemalte Schirme finden, die der Priester den Verurteilten vors Gesicht hielt, um ihnen das Schafott zu verbergen.“ Ein zweifelhafter "Schutzschirm" bis zur letzten Sekunde des Untergangs.

 

Cataract

Cataract is a clouding of the lens of the eye (see definition at the bottom).

The works on the topic "cataract" are closely related to the agnosia works.

Of course, when it comes to face masks in the courtroom, one's own protection of personality may be in the foreground. Who would like to be in the pillory. However, the comparison with other judicial systems would be interesting, where such face coverings are not common, or even not allowed.

Remarkable are also the perpetrators who deliberately do not cover their faces, i.e. who stand by their deeds, or are even proud of them - this includes ideological figures of conviction such as Islamists and right-wing radicals.

The "cataract", i.e. the clouding of the lens of the eye, must of course be understood symbolically here. The clouding corresponds to a nebulous, blurred view of a reality distorted beyond recognition, a disappearance of memory; it points to massive repression, in extreme cases to amnesia. Everyone has to examine and question himself for this "cataract" or blind spot. But it is difficult to recognize one's own subjective narrative, one's own bladder, the biblical bar in one's own eye. The case of Trump shows this exemplarily at the moment during his election defeat, which he cannot acknowledge (Nov. 2020). If Fox News is his main source of information, he remains in the vicious circle of disinformation, of fiction, wishful thinking and denial of reality.

My artistic cataract thesis would be that this face covering is not (only) self-protection, but also a looking away, a denial of one's own actions, a fading out of reality, a denial of one's own responsibility - it is therefore a voluntary, self-chosen blindness. Although the "delinquent" is not recognized and possibly spares himself the shame of the pillory, he sees and recognizes nothing himself - the connection between face covering and blinders is obvious. This points to a basic state of perpetration - the delusion, the non-recognition of the crime being committed. It refers to the absence of empathy typical for perpetrators. Last but not least, one can see in it a generally human dimension of looking away, ignoring, repressing, a refusal of empathy and a denial of responsibility.

Are the face coverings an admission of guilt, a behavior out of shame? Probably not, because shame would require insight. It could be unconscious, quasi instinctive shame, which the perpetrator does not admit to himself. For me, only "repentance", the verbal confession of one's own guilt and acceptance of responsibility would be acceptable.

Another reference of literal "shielding" is to be mentioned, a quotation from Albert Camus "The Myth of Sisyphos":

"In Italian museums one can sometimes find small painted umbrellas which the priest held in front of the condemned in order to hide the scaffold from them. A dubious "protective umbrella" until the last second of doom.

 

 

„Obermaidan“ (Historisches Foto aus dem Treblinka-Prozess von 1964), 2013, Aktenmappe, 30x40cm

„Obermaidan“ (historic photo from the Treblinka trial of 1964), 2013, briefcase, 30x40cm

„Obermaidan“ war der Tarnname für Treblinka. Die Opfer mussten Karten für diesen Zielbahnhof lösen - Gerüchte über die Hölle von Treblinka hatten sich schnell in ganz Polen verbreitet.

Das Foto zeigt die Eröffnung des ersten Treblinka-Prozesses vor dem Landgericht Düsseldorf am 12.10.1964 (Quelle: picture-alliance, Bild-Nr. 47105408).

Auf der Anklagebank von links (in Klammer Urteile vom 3.9.1965):

Kurt Hubert Franz (lebenslang), Otto Stadie (7 Jahre), Heinrich Matthes (lebenslang), Willi Mentz (lebenslang), August Miete (lebenslang), Franz Suchomel (6 Jahre) und Gustav Münzberger (12 Jahre).

 

"Es war die fürchterlichste Sache, die ich in meinem Leben gesehen habe."

  (Adolf Eichmann über seinen Besuch in Treblinka)

 

Mich interessiert die „freiwillige Blindheit“ der Angeklagten, die ihr Angesicht hinter Händen, Papieren, Akten, Kleidungsstücken o.ä. verbergen. Hier ergeben sich Zusammenhänge zu ihrer Blindheit als Täter, zu ihrer Weigerung zu Sehen, zu Denken, zu Verstehen, mitzufühlen. Auf der Hand liegen die Bezüge zur Realitätsverweigerung und Leugnung der Täter, die vorgeblich von nichts wussten und sich bis zuletzt für unschuldige Befehlsempfänger hielten. 

Die Bildabdeckung durch die Aktenmappe verweist auf das zunehmende Entschwinden der Erinnerung, auf schleichende individuelle wie kollektive Amnesie. Indem der Ausstellungsbesucher selbst die Aktenmappe in die Hand nehmen und zwecks Erkenntnisgewinn anheben muss, muss er sich teils auf die Täter-, teils auf die Opferebene begeben. Es kann eine Selbstbefragung entstehen, Zweifel, Fragen der Identität. Treblinka war ein Ort der widerlichsten Camouflage, der hinterhältigsten Tarnung - der Gipfel von Menschenverachtung und Blasphemie war die Tarnung einer Gaskammer als Synagoge. Auch im Gerichtssaal erweisen sich die Täter als Meister der Tarnung.

 

 "Obermaidan" was the code name for Treblinka. The victims had to buy tickets for this train station - rumors about the hell of Treblinka had quickly spread all over Poland.

The photograph shows the opening of the first Treblinka trial at Düsseldorf district court on October 12, 1964 (photo credit: picture-alliance, Bild-Nr. 47105408). Cockwise from left (the verdicts passed on Sept 3, 1965 in parenthesis):

Kurt Hubert Franz (life sentence), Otto Stadie (7 years), Heinrich Matthes (life sentence), Willi Mentz (life sentence), August Miete (life sentence), Franz Suchomel (6 years) and Gustav Münzberger (12 years).

 

"It was the most horrible thing I've ever seen in my life."

 (Adolf Eichmann about his visit to Treblinka)

 

I am interested in the "voluntary blindness" of defendants who hide their faces behind their hands, papers, or folders. There are links to their blindness as perpetrators, their refusal to see, think, and understand. The references to the denial of reality and the denial of the perpetrators, who ostensibly knew nothing and considered themselves innocent recipients of orders to the very end, are obvious. the picture with a briefcase refers to the increasing disappearance of memory., to a creeping individual and collective amnesia. Because the beholder needs to lift the cover in order to gain knowledge. S/he moves partly to the level of the perpetrator, and partly to that of the victim. A self-questioning can arise, doubts, questions of identity. Treblinka was a place of the most insidious camouflage - the summit of misanthropy and blasphemy was the camouflage of a gas chamber as a synagogue. In the courtroom, too, the perpetrators prove to be masters of disguise.

"Katarakt-Objekt", Drahthalter für Gesichtsabdeckung, A4-Mappe, 2020

Work in progress (Prototyp in Entwicklung)

Mit diesem leicht installier- und tragbaren Gestelle müssen Sie niemandem in die Augen sehen und brauchen sich nicht zu schämen! Keine verkrampfende Armhaltung - und Sie haben die Hände frei!

Gut geeignet auch für die Selbstkasteiung von "Gutmenschen".

 

"Cataract Object", wire holder for face cover, 20x30cm-folder, 2020

Work in progress (prototype under development)

With this easy to install and portable rack you don't have to look anyone in the eye and you don't have to be ashamed! No cramping arm position - and you have your hands free!

Also well suited for the self-mortification of "do-gooders".

 

Definition des medizinischen Begriffs "Katarakt"

Die Katarakt [ˌkataˈʁakt] oder der graue Star bezeichnet eine Trübung der Augenlinse..., im fortgeschrittenen Stadium kann man die graue Färbung hinter der Pupille erkennen, woher sich die Bezeichnung grauer Star ableitet.

Hauptsymptom ist ein langsamer, schmerzloser Verlust der Sehschärfe (Visus)... Es kommt zu Verschwommensehen und zunehmender Blendungsempfindlichkeit, da durch die Linsentrübung eine diffuse Lichtbrechung erzeugt wird. Ebenfalls reduziert sich die Wahrnehmung von Kontrasten, sodass die Patienten ihre Umwelt „wie durch einen Nebel“ wahrnehmen.

In der Antike nahmen die Menschen an, bei der Entstehung des grauen Stars würden (im Sinne der hippokratisch-galenischen Viersäftelehre) Substanzen hinter der Pupille herabfließen, da der Seheindruck des Betroffenen einem Blick durch einen herabstürzenden Wasserfall glich. Der Begriff Star ist bereits im 8. Jahrhundert im Deutschen vorhanden und bezieht sich auf die „Erstarrung“ der eingeflossenen Masse, die dann durch eine Operation geheilt werden kann.

(Quelle u.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Katarakt_(Medizin))

 

Definition of the medical term 'Cataract'

Cataract is a clouding of the lens of the eye... In an advanced stage the grey colouring behind the pupil can be seen, from where the name cataract is derived.

The main symptom is a slow, painless loss of visual acuity (visual acuity)... Blurred vision and increasing sensitivity to glare occur, since diffuse refraction of light is produced by the clouding of the lens. The perception of contrasts is also reduced, so that patients perceive their environment "as if through a fog".

In antiquity, people assumed that when cataracts developed (in the sense of the Hippocratic-Galenic theory of four juices) substances would flow down behind the pupil, since the visual impression of the person affected resembled a look through a falling waterfall. The term star is already present in German in the 8th century and refers to the "solidification" of the mass flowed in, which can then be cured by an operation.

(Source, inter alia, https://en.wikipedia.org/wiki/Cataract)