Arbeiten zum Diskurs des Sehens, die Illi mit dem Thema „Agnosie“ zusammenfasst, sind zunächst als Bestandteil von Ateminstallationen entstanden, um den Prozess des Atmens mit einem des Begreifens zu verbinden - Atmung und Wahrnehmung / Erinnerung hängen eng zusammen. Hierzu gehören Arbeiten mit Licht und kinetischen Projektionen, Mit Videoloops oder Texten (Zitaten), aber auch mit tastenden Blindenstöcken und unscharfen, schwer erkennbaren Fotografien. Häufig entstehen orts- und zeitspezifische Arbeiten


Agnosia: from the Greek: ignorance, "without knowledge", loss of the ability to interpret sensory stimuli, such as sounds or images.

Kinetic blind canes moved by apparatuses, leaving traces of their movements on the floor.

One of these “Agnosia”-works was shown at a church in Munich for two months as an altar image above the altar. The old painting was covered and a white plane was applied. This installation took place during easter (to refer to the crucification and the image which was covered by this “blind spot”, this iconoclasm, but also to the pogroms which often started during easter-times).

The starting point for working with the blind spot was probably a white plane (area whitened out) at the former synagogues’ place for the torah scrolls at Ehemalige Synagoge Drensteinfurt - I made a breathing installation there in 2000 called “Ruach” (wind, spirit, holy spirit). This white plane refered to the absence of things, of the religious items, of jewish communities in Germany. It refers to elimination.

The blind cane sometimes is pointing in space, as a kind of searching or pointing stick: as if the blind leading the blind, pointing out the way.

The traces left by the sticks are almost invisible drawings in space, very subtle, only seen if the viewer is keen and curious enough to look closely, affording a wish for finding.


... a wiping, a groping also, and a scratching that produces lines. Leading away or to something? When objects draw, this question is not easy to answer. The Klaus-Illi-adoption speaks of “processual voids” and simultaneously refers to the new occupation of surfaces and rooms by Illi’s objects. Each blurring is also a trace, the principle of counterplay, of the countermovement which is typical for Illi’s pneumatic objects, and becomes concrete in the conflict of suppressing and wanting to know, of dusting and effacing, of provoking emptiness and achieved fullness. Furthermore, Illi reveals his means: tool and object are often enough identical. Art not as an assertion, but as a perception claiming perception in turn, not so much of a result but of the action itself. Mere interest or concern is not demanded, however, the object must remain identifiable as such. Consistently, Illi’s works are not trying to immerse in a situation, but seem to emerge from it...”

from: Nikolai Forstbauer „Neue Arbeit“ ("New Work“), catalogue for installation „NEU“ ("NEW“) in the historical context of the former millstone factory J.G. Dettinger, Plochingen, Germany 2002


Siehe auch unter "Kooperationen" die Zusammenarbeit mit Inga Fonar Cocos, Israel.

See also under "Cooperation" the work with Inga Fonar Cocos, Israel.

"Agnosie", St. Lucas, München, 2000 (Zustand am Beginn der Ausstellung)

"Agnosie", St. Lukas, München, 2000

Zustand am Ende der Ausstellung mit erkennbarem Tastfeld des Blindenstocks.

"Agnosie", St. Lukas, München, 2000

"Agnosie", St. Lukas, München, 2000

Dieser oben offene "Brillen"-Container befand sich im Eingangsbereich der Kirche. Anfangs befanden sich darin nur einige Brillen aus der Familie des Künstlers. Am Ende der Ausstellung war der Container annähernd halb voll, obwohl keine Hinweise und Aufforderungen hierzu zu finden waren.


Projektion "Der Berghof" (Postkarte Alice Licht) im offenen Kamin der "ältesten Küche Ulms" in der Ausstellung "Relativ Schön", Kunststiftung Pro Arte, 2004 (die Küche wird auf das Jahr 1563 datiert).

Der Küchenraum ist klein und dunkel, der Boden uneben. Verirrt sich ein Besucher in dieses Räumchen, so blitzt unerwartet die kleine Projektion auf und eine Projektionssequenz läuft ab, danach wird der Betrachter wieder in die Dunkelheit entlassen.


Bei der Projektion verschwindet das Bild zunehmend im Hintergrund, der bestehen bleibt. Bild und Bildgrund gehen eine Einheit ein. Es gibt verschiedene Projektionsmodi, z.B. auch ein Verdunkeln und ein wieder Auftauchen aus dem Dunkel.

Verschiedene Formen des Erinnerns und Vergessens könnten damit assoziiert werden.

Postkarte Alice Licht vom 16. Mai 1944, während des Transports nach Auschwitz-Birkenau aus dem Zug geworfen mit der Aufschrift auf der Bildseite: "Finder wird gebeten, Karte in Briefkasten zu stecken. Vielen Dank!", bei der Adresse mit dem Vermerk "Strafporto zahlt Empfänger".

Postkarte von Alice Licht an die Belegschaft der Blindenwerkstatt Weidt, abgestempelt am 18.5.1944 in Pudlau, Oberschlesien.

 




Agnosie / Agnosia (Galerie Insel, Stuttgart, 1999)

Zwei mechanisch bewegte Blindenstöcke tasten den Boden ab, die Tastbewegung wechselt zwischen per Zufall Pendeltipp- und Schleiftechnik. Die Tastgeräusche über Kacheln und Fugen sind deutlich hörbar. Bei einem Sechserblock von schwarzen Tastkuppen in der Braille-Grundmatrix wird durch Vor-und Rückbewegung ein Text in Braille-Blindenschrift sicht- und fühlbar - in Braille-Schrift codiert erscheint ein Zitat von Cézanne:

„Man muss sich beeilen, etwas zu sehen, alles verschwindet."

Hinter einer matten, milchig-opaken Glasfläche sind schemenhaft verschwommene Formflächen erkennbar. Tritt ein interessierter Besucher nah genug heran, wird die Glasfläche plötzlich transparent und gibt den Blick auf eine dahinterliegende Transparentfolie samt Kachelstruktur des Realraums frei. Mit dem „Röntgenbild" werden medizinische Assoziationen hervorgerufen, man erkennt u.U. einen Sezierraum. Über die Glasoberfläche kommen Spiegelungen, der Betrachter selbst, Um- und Außenraum in den Blick.

Thematisch kreist die Ausstellung um den Wahrnehmungsdiskurs, um Möglichkeiten und Grenzen des Sehens, um Gedächtnis und Verdrängung.

Agnosie / Agnosia (Galerie Insel, Stuttgart, 1999)

"Braille-Tastobjekt"

Indem sich die Tastkuppen vor- und zurückbewegen, wird ein Text in Braille-Blindenschrift sicht- und fühlbar. Die Arbeit ist zum Anfassen: auf die linke senkrechte Dreierreihe legt man die linke Handfläche, auf die rechte entsprechend die rechte Hand. Es erscheint, in Braille-Schrift codiert, ein Zitat von Paul Cézanne: „Man muss sich beeilen, etwas zu sehen, alles verschwindet.“

"Braille groping object"

The "dots" of this moving braille matrix move back an forth, when somebody lays his hands on them. The braille writing will spell a quote by Cezanne: "One has to hurry to perceive something, everything disappeares". 

Tastkuppe Frontalansicht

Etwa in Brusthöhe befindet sich ein Sechserblock von schwarzen Tastkuppen in der Braille-Grundmatrix; in ihnen wird der Gesamtraum fisheye-artig gespiegelt.

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"Mehr Licht" (Atmende Brailleschrift), 80x60x20cm, Museum der Elektrizität, Hamburg, 1999

"Mehr Licht" waren angeblich Goethes letzte Worte auf dem Sterbebett. Die in dieser Braillematrix angeordneten 6 kleinen Atemobjekte "atmen" diese beiden Worte. Gleichzeitig wird die hinten in der Ecke stehende Neonröhre entsprechend immer heller.

"More Light" (Breathing Braille), Museum of Electricity, Hamburg, 1999

"More light" were supposedly Goethes last word on his deathbed. The six small breathing objects ordered according the braille matrix "breath" these two words, while the neon tube in the background gets lighter accordingly.

Mehr Licht / More Light (Atmende Brailleschrift / Breathing Braille, Museum der Elektrizität, Hamburg, 1999)


"Strom weg", Abgeschmolzener Sicherungskasten, Flüssigkristallglas ca. 80x80x25cm, 2003

Museum Waiblingen (heute: Haus der Stadtgeschichte)

rechts: historischer "Zählerschrank" des Museums

links: der Zählerschrank des Asylbewerberheims war von mir nach dem Brandanschlag aus dem Container "gerettet" worden. Davor befand sich eine Flüssigkristallglasscheibe. Näherte man sich diesem Objekt, so wurde die Scheibe matt, der Blick trübte sich quasi ein, der Zählerkasten war nur noch schemenhaft erkennbar.


A liquid crystal glass plate is placed in front of an electrical meter box . From a distance it gives clear sight on the object behind. When a viewer approaches, the glass turns opaque and all details disappear. The object is only visible from a distance and refuses to be analysed when approached.

The meter box was installed in a home for asylum seekers and was attacked by neo nazis on August 30, 2000, who tried to burn the house down by setting fire to the meter box. 

"Strom weg", Waiblingen 2003

"Strom weg", Waiblingen 2003

Zeitungsausschnitt vom 31. August 2000

 

Sehmaschine / Seeing Machine („Fotografie als Handlung - Photographie as Concept“, 4.Internat. Fototriennale Esslingen, 1998)

Sehmaschine / Seeing Machine („Fotografie als Handlung - Photographie as Concept“, 4.Internat. Fototriennale Esslingen, 1998)

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Sehen Sie weitere Fotos zum Thema "Agnosie" unter dem Reiter "Kooperationen" mit Inga Fonar Cocos und unter "Katarakt" 

See further images about "Agnosia" under "Collaborations" with Inga Fonar Cocos and under "Cataract".